IX

 

 Die erste Woche nach der letzten Chemotherapie, lasse ich ruhig angehen. Die Sommerferien sind beendet und ich freue mich auf den Tag, an dem es definitiv Berg auf gehen wird mit mir.

 

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 Innerhalb eines sozialen Netzwerks, erreicht mich am 18. September die Nachricht, dass Verena Ende April an Brustkrebs verstorben ist. Verena lernte ich kurz nach unserem Umzug in Aschaffenburg kennen. Wir hatten schnell einen Draht zueinander und konnten uns über Themen austauschen, wie es uns mit jemand anderes kaum möglich war. 2006 bekam Verena die Diagnose Brustkrebs. Sehr aggressiv. TN. Innerhalb kurzer Zeit war der Tumor in ihrer Brust, Hühnerei groß angewachsen. Das Entsetzen bei uns allen, um Verena war groß. Sie war doch gerade erst mal Anfang 30.  Viele der Gefühle, Ängste und Nebenwirkungen der Behandlungen, die Verena in der Zeit ihrer Erkrankung durchmachte, konnte ich später auch an mir beobachten. Mit ihren Ängsten fühlte sich Verena oft allein gelassen. Ihr Suchen nach Gründen, warum sie an Brustkrebs erkrankte. Der Erwartungsdruck ihres Umfeld an sie, die Krebserkrankung hinter sich zu lassen, als sie die Behandlungsblöcke abgeschlossen hatte, erdrückten sie schier. Das nun alles vorbei zu sein und der normale Alltag doch endlich wieder einzukehren hätte. Verständlich für das Umfeld, aber für den Betroffenen eine schwere Aufgabe wieder in das Altvertraute zurückzufinden. Es ist nicht vorbei für einen von Krebs betroffenen Menschen, nur weil die Behandlungen abgeschlossen sind.

 Dass ihre Gefühle voll und ganz rechtens sind, gab ich ihr damals zu verstehen. Aber auch, das wir alle nicht wissen, welches Schicksal uns bevorsteht. Ihr tatsächlich niemand versprechen kann, vollständig gesund zu werden. Dass sie oder ihr Partner keine Schuld an ihrer Erkrankung tragen. Dass sie sich diese Bürde Namens Schuld, bitte nicht antun möge. Wenn es ihr hingegen möglich sei, solle sie versuchen, das Leben Tag für Tag zu genießen und weniger nach ganz weit vorne schauen zu wollen. Ihrer Angst vor dem Krebs und ihrem möglichen Sterben einen inneren Raum zuweisen solle, um nicht an dieser irrsinnigen Angst kaputt zu gehen. Verena erholte sich von ihren Behandlungen, heiratete den Mann, den sie liebte und tastete sich langsam in das Leben zurück und schmiedete Pläne für ihr „Danach“.

 Im Jahr nach Verenas Erkrankung, wurde Justin operiert. Verena wollte uns am Abend bevor wir nach Heidelberg fuhren, besuchen. Sie kam nicht. Keine SMS, kein Anruf, kein Brief. Monate später begegnete ich ihr in der Stadt. Sie lief regelrecht vor mir davon. Das verletzte zutiefst. War sie mir doch einst eine Freundin. Ihr Verhalten weckte Zweifel in mir, ob ich ihr je eine gute Freundin gewesen sein konnte oder auch nur grundsätzliches von dem Begriffen hatte, was im vergangenen Jahr in ihr vorging. Ihr Verhalten war mir unbegreiflich.

 Im Januar 2009, hatte ich einen Vorstellungstermin zu einer ambulanten Operation im städtischen Klinikum. Auf dem Weg zu meinem Termin begegnete mir Verena, die eine Freundin auf einer der Stationen besuchte. Sie sprach davon, wie sehr sie ihr Verhalten mir gegenüber bedauerte. Mir hier in den Fluren der Klinik zu begegnen, sei für sie ein Wink des Schicksals. Dass sie sich bei mir würde melden wollen, wenn mir das Recht sei? Ja, es wäre mir sehr recht, versicherte ich ihr. Auf meine Frage wie es ihr geht, teilte sie mir mit, dass der Krebs wieder da sei. Dass sie eine Metastase in ihrem Gehirn habe. Die erneute Diagnose für Verena, nahm mich sehr mit. Nicht mehr heilbar. Ihr schlimmster Albtraum, schien wahr zu werden. Verene sollte sich nicht mehr bei mir melden. In den Monaten seit meiner Krebsdiagnose, hoffte ich von ganzem Herzen, ihr nicht auf den Straßen Aschaffenburgs zu begegnen. In meinen Gedanken wäre diesmal ich diejenige gewesen, die die Straßenseite gewechselt hätte, um einem Gespräch aus dem Weg zu gehen. Was hätte ich ihr sagen sollen?  In der Nacht zünde ich eine Kerze für sie an und nehme Abschied von ihrer Seele. 

 Bis ich ihren Rückzug letzten Endes verstanden und tatsächlich nachvollziehen konnte, darüber verging bald ein Jahr. Sie begleitet mich noch heute in meinen Gedanken und versinkt nicht im Vergessen. Die Tage ist mir eine Karte von ihr in die Hände gefallen, die sie mir zu Anfang unserer Freundschaft schrieb. Trauer um die verlorene Freundin bricht sich Bahn, um all das was hätte sein können und niemals mehr sein wird...

 

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Die letzten Septembertage vergehen rasch und sind angefüllt mit Terminen bei meinem Kardiologen, als auch bei meinem Onkologen. Letzte Arztberichte müssen besorgt werden, Behördengänge und organisatorische Termine stehen an, um für die anstehende Operation bestens gerüstet zu sein. Ich nutze Yoga zur Entspannung und gönne mir einen Verwöhntermin bei einer Kosmetikerin. Das Verwöhnen fühlt sich unglaublich gut an, für meine Seele und Haut, die ich der Welt zeige.

 Meinen Onkologen Herrn Dr. W, spreche ich auf die Knocheninfusion Zometa an und frage um Rat, wie ich diese erhalten kann, da sie bislang nicht im Leistungskatalog der Krankenkassen verankert ist. Herr Dr. W erklärt mir, dass Zometa ab März des Jahres 2011, eine kassenärztliche Leistung sein wird und diese ab dem genannten Zeitpunkt in den Behandlungsplan bei Brustkrebspatientinnen, mit aufgenommen sein wird. Da ich jedoch schon jetzt von der Zometagabe profitieren solle, würde ich die erste von der Tagesklinik geschenkt bekommen. Den Termin für meine erste Zometainfusion, mache ich direkt für Ende Oktober aus, gut vierzehn Tage nach meiner Operation. Ich bin erleichtert. Kann ich dem Krebs dank Zometa, hoffentlich einen ordentlichen Schritt voraus sein. Falls Zähne bei mir gerichtet werden müssen, sollte ich dies möglichst im Vorfeld angehen, um entsprechende Spätfolgen zu vermeiden, wird mir angeraten. Die erste Nachsorge nach der Chemotherapie, verlief unauffällig.

 

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 Für heute den 27. September, steht in der Frankfurter Klinik die Vakuumbiopsie an. Karlsson holt mich Zuhause ab, mit Tony im Wagen auf der Rücksitzbank. Nach der Anmeldung im Brustzentrum werden wir gebeten, in das Hauptgebäude zu wechseln und uns in der Radiologie anzumelden.

 Herr Dr. H empfängt mich und erklärt mir die genaue Vorgehensweise der Biopsie, während Karlsson auf mich wartet. Zuerst wird das entsprechende Gebiet meiner Brust örtlich betäubt. Diese wird dann in das Gerät der Mammographie eingespannt, um das Kalkfeld ausfindig zu machen. Wenn das Kalkfeld gefunden ist, wird Herr Dr. H an meiner Haut einen kleinen Schnitt vornehmen, an der das Biopsiegerät, sich in meinen Körper bohren wird. Das Gerät ähnelt an ihrem Ende einer langen dicken Nadel, mit einem rotierenden Messer an der Spitze. Während dieser Zeit, wird meine Brust permanent zwischen den Platten der Mammographie, gehalten werden. Klingt unangenehm und ist es auch. Flache Atmung zwecks besserem aushalten, ist angesagt. Unterdessen werden immer wieder Mammographie Bilder vorgenommen, um kontrollieren zu können, ob denn tatsächlich auch aus dem Kalkfeld Gewebeproben entnommen wurden und nicht von gesundem, umliegenden Gewebe meiner Brust. Dies ist nicht ganz einfach, wie schon manche Patientin leidvoll hat erfahren dürfen, die mit falsch negativen Berichten nach solch einer Biopsie entlassen wurde. Einfach, weil gesundes Gewebe entnommen wurde und nicht das Tumorfeld getroffen wurde. Bei Herrn Dr. H fühle ich mich jedoch in den besten Händen, der eine unglaubliche Ruhe ausstrahlt, die sich dankenswerter Weise auf mich überträgt.

 Ich bin unendlich erleichtert, als diese langwierige und zum Ende hin auch schmerzhafte Prozedur, beendet ist. Herr Dr. H ist sich anhand der entnommenen Gewebeproben sicher, brauchbares Material vorliegen zu haben. Den Schnitt an meiner Brust verklebt er, um eine Narbe weitestgehend zu vermeiden und legt mir im Anschluss einen Druckverband an. Ich bin gerührt über seine Bemühungen, mir eine weitere Narbe ersparen zu wollen. Möchte ich ihm fast Einhalt gebieten und ihm sagen, dass er sich um diesen Schnitt keine Sorgen zu machen bräuchte und wir doch beide wissen, wie das Ergebnis der Biopsie ausfallen wird. 

 Die Gewebeproben werden zum Abschluss geröntgt und wie bereits im Brustzentrum vereinbart, sehen wir uns am 1. Oktober, zur Befundbesprechung. Beim Verabschieden gibt Herr Dr. H mir den Rat mit auf den Weg, dass ich mir zur Belohnung am besten etwas Schönes schenken lassen solle von meiner Begleitung. Über seinen Rat kann ich herzhaft lachen. Spätestens hier merkt man, dass Herr Dr. H, viel mit Frauen in seinem Alltag zu tun hat.

 

 Reich beschenkt fühle ich mich derzeit ohnehin, was für manch einen an dieser Stelle sicherlich unverständlich erscheinen mag, aber für mich fühlt sich das Leben so an. Als ein Geschenk! Trotz des ganzen Schlamassels, das mein Leben derzeit mal wieder ausmacht. Zum Verwöhnen und Versüßen dieses Termins, halten Karlsson und ich unterwegs an einer Confiserie und kaufen uns köstliche Gaumenfreuden und lassen sie uns auf das Beste schmecken. Diese kleine Confiserie mit all ihren süßen Sünden, erinnert mich an unser Wochenende im  vergangenen Dezember in Rom. Dieses Wochenende in Rom, schenkt mir noch heute Kraft, diese schwere Zeit durchzustehen. Zumindest kann ich sagen: „Hej, ich war wenigstens einmal in Rom!“. Selbst heute noch, nach meinen regelmäßigen Kontrollterminen im Frankfurter Brustzentrum, gönne ich mir einen Besuch in dieser kleinen Confiserie und belohne mich für all den durchgestandenen Stress mit den herrlichsten Törtchen...

 

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 Für das kommende Wochenende lädt mich Karlsson zu einem Aufenthalt in Luxemburg ein. Er möchte mir ein wenig Abstand zu allem schenken und das ich vor der Operation weitere Kräfte mobilisieren kann.

 Aber vor dem Wochenende, steht der Termin für das Ergebnis der Biopsie an. Danach werde ich wissen, wie es weitergehen wird auf meiner Krebsachterbahn. Karlsson begleitet mich auch an diesem Tag in die Klinik. Ich bitte ihn bei dem Arztgespräch anwesend zu sein und nicht wie sonst vor dem Untersuchungszimmer zu warten.

 Eine junge Ärztin begrüßt uns und erklärt mir, dass Herr Dr. H gleich nachkommen werde. Sie eröffnet mir, dass sie eine gute und eine weniger gute Nachricht für mich hätte. In dem Kalkfeld wurden Krebszellen nachgewiesen, somit ist dieses Gebiet eindeutig ein sogenanntes DCIS, eine Krebsvorstufe neben meinen beiden Tumoren. Die gute Nachricht sei jedoch, dass mir die Tumorkonferenz, dennoch eine brusterhaltende Operation empfiehlt.

 Mehr kann ich in diesem Moment nicht erfassen. Ich brauche eine Pause, um die Diagnose sacken zu lassen. Der Raum wabert um mich und mein Umfeld verliert an Kontur. Ich kann mich selbst nicht mehr fühlen. Mir ist entsetzlich übel. Nach einigen Minuten gelingt es mir, mich zu sammeln und dem Gespräch mit den neuen Sachverhalten, aufnehmen und konzentriert folgen zu können. In der Zwischenzeit ist Herr Dr. H hinzugekommen und erklärt mir, warum und wie die Tumorkonferenz zu ihrer Empfehlung für mich gekommen ist. Zum einen hat die Chemotherapie bei mir sehr gut angeschlagen, was sich daran beurteilen lässt, dass die Tumore unter Ultraschall und Mammographie, kaum noch auszumachen sind. Des weiteren ist meine Brust voluminös genug, um ein ästhetisch ansprechendes Ergebnis durch eine Teilamputation, zu erreichen. Bei der Operation würde man mir circa ein Drittel meiner Brust entfernen. Er betont, dass ich keinen medizinischen Vorteil gegenüber einer Amputation meiner Brust hätte, in Bezug zu der Möglichkeit eines späteren Rezidivs.

 Falls sich bei der Operation nicht alle Tumorzellen entfernen lassen und sich kein ausreichend großer Sicherheitsabstand zu dem umliegenden, gesunden Gewebe ermöglichen lässt, würde in einer weiteren Operation meine Brust amputiert werden. Er als mein Arzt, hätte den Eindruck von mir als Frau gewonnen, die mit der Entscheidung einer Teilamputation wird leben können. Wenn ich für mich jedoch auf erhöhte Sicherheit aus bin, steht mir selbstverständlich die Amputation meiner Brust offen. Er könne solch einen Eingriff nicht beschönigen, da eine solche und der Verlust meiner Brust für mich als Frau, eine einschneidende Veränderung sein wird. Die Diagnose Brustkrebs ja ohnehin schon. Zu einem Wiederaufbau meiner Brust würde man mir an dieser Klinik empfehlen, mindestens ein Jahr bis nach der Operation zu warten. Das bei brustaufbauenden Operationen, durchaus schöne und ästhetische Ergebnisse erzielt werden können.

 

 Tja, da sitze ich nun auf diesem gefühlten Vulkan unter mir und stehe vor einer der Entscheidungen des Lebens, die mit allergrößter Sorgfalt entschieden werden möchte und von der man sich nur wünscht, sie nie gestellt zu bekommen. Ich suche Karlssons Blick, fühle meine Hand in seiner und höre mich sagen, dass ich die Teilamputation wagen möchte. Es zumindest versuchen möchte, mir meine Brust zu retten. Karlsson und ich stellen Fragen und wiederholen alles Gehörte um sicher zu gehen, alles an Erklärungen und Erläuterungen von Seiten der Ärzte, richtig verstanden zu haben. Der Raum um mich fühlt sich noch immer unendlich klein und eng an.

 Mit den Ärzten verbleibe ich dahingehend, dass ich am 11. Oktober 2010, zu den operationsvorbereitenden Terminen vormittags in die Klinik komme und am 12. Oktober, dem Tag der Operation, frühmorgens um 6.30 Uhr, mich zur Einweisung auf der entsprechenden Station anmelde. Am Tag der Operation, würde auch die Drahtmarkierung der Tumorgebiete, durchgeführt werden. Ich befürchte, dass diese Drahtmarkierung ein weiterer Kraftakt werden wird, an dem es gilt, die Zähne zusammenzubeißen und mein Köpfchen schön weit oben zu tragen, um diese erneute Prozedur, bestmöglich bewältigt zu bekommen.

 Herr Dr. H gibt mir zur Verabschiedung die Versicherung mit auf den Weg, sollte ich mich in den nächsten Tagen für die Amputation entscheiden, ich jederzeit anrufen und ich mich auch noch am Tag der Operation, dazu entscheiden könne. Herr Dr. H ist der erste Arzt in all den Jahren, der mir ganz gentlemanlike meine Jacke beim Abschluss unseres Gesprächs hält, damit ich in diese leichter schlüpfen konnte.

 

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 Der Ausgang der Vakuumbiopsie und vor allem der anschließende Rat der Tumorkonferenz, haben mich in unglaublichem Maße überrascht und auch erschüttert. Bin ich doch bereits von der sicheren Amputation meiner Brust ausgegangen. Karlsson und ich selbst, reden mir auf der Nachhausefahrt Mut zu, dass ich die richtige Entscheidung getroffen habe. Ich hoffe sehr, das ich diese Entscheidung nie bereuen werde. Vielleicht werde ich sogar zu den Glücklichen zählen, dem Krebs in mir für immer zu entkommen und er nie wieder mein Leben und meine Gesundheit bedrohen wird. Tony legt seine Schnauze auf meine Schulter von seinem Platz auf der Rückbank aus, als wenn er mich beruhigen wolle. Der Gute...

 

Kapitel 10


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