XI

 

 Nach dem Ziehen der beiden Drainagen und mit Erhalt meines Arztbriefes, kann ich am Donnerstag, den 21. Oktober 2010, das Kapitel Operationen, endgültig für mich schließen. Ich verabschiede mich von Jutta und meinen Mitpatientinnen, die mir mit mancher Plauderei geholfen haben, die Zeit meines Klinikaufenthaltes etwas entspannter zu verbringen und deren Freude über mein gutes Operationsergebnis, mich in einen warmen Mantel hüllt. Körperlich fühle ich mich geschlaucht nach den beiden Operationen. Aber ich fühle mich befreit und die Euphorie, die mich seit der gestrigen Nachricht trägt, hallt laut in mir nach. Eine Zentnerlast, die von mir genommen wurde.

 

ICH BIN KREBSFREI!!!!!

Frei von Zellen, die mich Stück für Stück auffressen wollen!!!!!

 

 Ich brauche Raum und Zeit für mich, um all das Erlebte der vergangenen Monate verarbeiten und in eine neue Form bringen zu können. Möchte Laufen und mich bewegen wie ein Kind, um all die Unsicherheit der vergangenen Wochen abzuschütteln. Die Schatten meiner Angst will ich los werden, sie ziehen lassen wie einen morgendlichen Herbstnebel, der über dem Land liegt.

 Seit langem stellt sich das innere Bedürfnis ein, zu malen und etwas zu erschaffen, mir und dem Erlebten in Farben und Worten, einen tieferen Ausdruck zu verleihen. Tief in mir drinnen regt sich etwas, das aus mir heraus möchte. Das spüre ich. Etwas Schönes und Neues. Etwas, das mich neugierig macht auf morgen und auf alles, was noch kommen mag.

 

 Meine Wohnung begrüßt mich vertraut und nach Zuhause duftend. Wie schön und wohltuend...

 Als erstes dusche ich den Klinikgeruch von meiner Haut und betrachte mich im Anschluss, in meinem Badezimmerspiegel. Begutachte auf das Genaueste meine neue Brust. Was ich sehe, gefällt mir und werde ich mit der Zeit annehmen können. Noch ist sie mir fremd in ihrer neuen Form und Größe. Die Narbe ist groß. Sie verläuft von meinem Rippenbogen hin zur Mammile und einmal um diese herum. Aber sie ist noch immer hübsch. Ich hoffe sehr, dass ich mit der Entscheidung meine Brust zu retten, die richtige getroffen habe. Und ich glaube, meine Haare beginnen endlich aus ihrem Dornröschenschlaf zu erwachen. Noch scheint es eher ein Wunschgedanke zu sein, aber ich bin mir nahezu sicher, dass auf meinem Haupt tatsächlich erste Härchen wachsen.

 

 Meine Mutter besucht mich am frühen Abend. Voller Stolz zeige ich ihr meine Brust. Sie weint ergriffen, als ihr bei meinen Worten bewusst wird, dass ich Krebs HATTE und was sich mit diesem Wort für mich verändert hat. Sie versichert mir, dass sie in den vergangenen Monaten fest an mich geglaubt hätte und wie sehr sich meine Familie freut, dass die Operation geglückt ist.

 

 Für die nächsten Wochen werde ich Tag und Nacht einen Sport-BH tragen müssen, um meine Brust dabei zu unterstützen, bestmöglich zu verheilen. Schweres Tragen und Heben, ist für die nächsten Wochen strengstens untersagt. In meiner Post befindet sich ein Brief meiner Krankenkasse, der mir eine Haushaltshilfe bis zum 9. November, zusagt. Justin wird somit bis zum Ende des Monats ohne weiteres in der Lebenshilfe versorgt werden können. Die erste Novemberwoche hat Justin Herbstferien. Bis dahin hoffe ich soweit wieder fit zu sein, dass Justin nachts Zuhause schlafen kann und nur den Tag über zwecks Unternehmungen, in der Lebenshilfe betreut wird. Das klingt nach einem guten Plan, der mir Entlastung und meinem Sohn sein Zuhause ermöglichen wird. Für die nächsten Tage, steht für mich einzig Erholung auf dem Plan. Und die gönne ich mir. Ohne schlechtes Gewissen. Für morgen freue ich mich auf die „Akte Schneewittchen“, im Kikeriki Theater in Darmstadt. Die Karten bekam ich von Maria und ihrem Mann zu meinem 41. Geburtstag im März, geschenkt. Seit meinem Geburtstag habe ich einen unendlich weiten Weg hinter mich gebracht. An meinem Geburtstag war ich so unfassbar schwer krank, ohne es auch nur zu ahnen. Diesen Gedanken darf ich nicht zu nahe an mich lassen, da er mich innerlich ganz klein und unsicher werden lässt. Darum setze ich diesem Gedanken entgegen, dass der Krebs ja nun weg ist. Er mich vorerst nicht vernichten wird. Denn:

 

,,Ich bin gesund!"

 

 Am Dienstagvormittag, nehme ich bei meiner Frauenärztin einen Kontrolltermin wahr. Meine Brust heilt bestens ab und meine Ärztin ist sehr zufrieden mit dem kosmetischen Ergebnis. Die Vaginaluntersuchung per Sonografie ist unauffällig. Zum Abschluss des Termins bekomme ich meine erste Zoladexspritze in eine Bauchfalte injiziert. Die Zoladexspritze soll die Funktion meiner Eierstöcke unterbinden. Darüber hatte ich gelesen und die entsprechenden Informationen in der Klinik, erhalten. Die Nadel der Spritze ist ziemlich dick und wird so manches Mal einen blauen Fleck auf meiner Haut hinterlassen. Diese Injektion bekomme ich ab sofort für die kommenden zwei Jahre, alle paar Wochen gespritzt. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass mir die erste Zoladex so rasch nach der Operation verpasst werden würde. Mit einem Rezept für das Medikament Tamoxifen, verlasse ich die Praxis meiner Frauenärztin und besorge in meiner Lieblingsapotheke, meine erste Medikamentenpackung.

 

 Mittwochnachmittag, kommt Justin für einige Stunden zu Besuch nach Hause. Eng aneinander gekuschelt, verbringen wir Stunden auf unserem Sofa. Es tut so gut, ihn im Arm zu halten und seinen Duft einzuatmen. Er mag mich gar nicht mehr loslassen und versucht regelrecht in mich hineinzukrabbeln. Er weint bitterlich, weil er nicht zurück in das Kinderhotel der Lebenshilfe möchte. Ich kann ihn so gut verstehen. Beim Abschied versucht er sehr tapfer zu sein und nicht erneut zu weinen. Aber ganz ehrlich? Hinunter geschluckte Tränen, sind auch geweinte Tränen. „Hab noch ein wenig Geduld“, flüstere ich ihm in sein Ohr. „Nur noch ein paar Tage und du darfst wieder nach Hause. Ganz bestimmt!“

 Seine Betreuer und Erzieher in der Lebenshilfe und in der Schule versichern mir, dass er diese schwere Zeit tapfer meistern würde. Dennoch hinterlässt der Stress deutliche Spuren bei ihm. Er nässt sich jede Nacht mehrfach ein und ist tagsüber auffallend müde.

 Für Donnerstagmorgen habe ich beschlossen, meine erste Tamoxifentablette zu nehmen. Das Tamoxifen kommt unscheinbar klein daher. Dabei versteckt sich im besten Fall, eine große Wirkung in ihr. Kurzentschlossen nehme ich sie in den Mund und schlucke sie hinunter. Ohne Gefühlsduselei. Rein damit. Hauptsache, sie wirkt.

Freitagmorgen steht bereits meine erste Zometainfusion an. Bevor ich die erste über meinen Port zugeführt bekomme, werden die überstehenden Fäden meiner Brust, in einem kleinen Nebenraum entfernt. Zu viert stehen die Mädels der Tagesklinik, um ihre Kollegin und mich herum und schauen neugierig dabei zu, wie sie mir diese fachmännisch entfernt. Meine Narbe und Brust wird von allen ausgiebig bewundert. Die Narbe heilt tadellos ab. Ich hätte hervorragendes Heilfleisch wird mir versichert. Ich sage mir lieber – meine Heilkräfte haben bestens gewirkt...

 Die erste Zometainfusion bekomme ich wie im Vorfeld abgesprochen, sehr langsam laufend zugeführt. Ich hoffe mir durch dieses Vorgehen, eventuelle Nebenwirkungen, wie hohes Fieber und ähnlichem mehr, ersparen zu können. Für meinen Zahnarzt erhalte ich bezüglich des Zometas einen Informationszettel, mit allen relevanten Inhaltsangaben zu dem Medikament. Eine gefürchtete Nebenwirkung des Zometas kann unter Umständen eine Kiefernekrose sein. Davon gehe ich jetzt mal nicht aus. Zum Glück haben meine Zähne die Chemotherapie gut überstanden. Hauptsache, es entwickeln sich keine Knochenmetastasen, in meinem Körper. Eventuelle, so genannte schlafende Tumorzellen, bekommen von dem Zometa am besten auch ordentlich eins auf die Mütze. Die sollen gar nicht erst auf die Idee kommen, sich eines Tages in mir zu räkeln und verschlagen Unfug in meinen Organen anzustellen. Die kleinen Scheißerchen werden in der Regel von keiner Chemotherapie eliminiert, da diese sich nicht teilen. Aber, sie können zu einem späteren Zeitpunkt in der Lage sein, aktiv zu werden. Die Nebenwirkungen des Zometas haben mich schnell eingeholt. Bereits am frühen Abend, melden sich erste Knochen- und Gliederschmerzen. Das Fieberthermometer zeigt rasch 40° Celsius an. Mit Schmerztabletten intus und starkem Schüttelfrost, verkrieche ich mich am frühen Abend in mein Bett und versuche die Nebenwirkungen zu verschlafen. Am nächsten Morgen ist das Fieber bereits gefallen. Körperlich aber fühle ich mich zerschlagen, wie eine sehr alte Frau. Meine Knochen schmerzen noch immer auf das Heftigste. Justins Nachhause kommen, verschiebt sich auf Grund der Nebenwirkungen, erneut um ein oder zwei Tage. Ich hoffe, dass es mir am Sonntag möglich sein wird, Justin endgültig nach Hause zu holen.



 In der ersten Novemberwoche, nehme ich Justins Therapieplan wieder voll auf. Das ist auch dringend nötig. Drei Wochen Therapiepause haben an seiner Dehnung und Gangbild, deutliche Spuren hinterlassen. Ich könnte heulen vor Frustration für meinen Sohn. Da Herbstferien sind, verbringt er einige Stunden am Tag in der Lebenshilfe. Dank dieser Unterstützung, funktioniert unser Alltag recht gut.

 

 Seit meiner letzten Chemotherapie, sind nun acht Wochen vergangen. Und innerhalb eines Tages, fallen mir meine restlich verbliebenen Wimpern und ein Großteil meiner Augenbrauen aus. Ich trau meinen Augen kaum, als ich mich im Spiegel betrachte. Warum das denn jetzt noch? Ich sehe zum Fürchten aus. Wie ein kleines Schlossgespenst. Ich wusste zwar, sollte man seine Wimpern und Augenbrauen unter der Therapie nicht verlieren, dies durchaus noch bis zu sechs Wochen nach der letzten Chemotherapie der Fall sein könnte. Acht Wochen nach der letzten, hatte ich mich jedoch auf der sicheren Seite gefühlt. Nicht schön. Der Rahmen meines Gesichtes fehlt und das Antlitz, welches mir aus meinem Spiegel entgegen blickt, wirkt äußerst befremdend auf mich.

 Zu meiner großen Freude und Erleichterung, wachsen diese bereits wenige Tage später nach. Allerdings lange nicht mehr so dicht wie vor meiner Chemotherapie und sehr farblos, nahezu kaum auszumachen. Kurioserweise sind mir wenige Monate später meine Wimpern und Augenbrauen erneut ausgefallen. Dieser Prozess sollte sich frustrierenderweise, einige Male im kommenden Jahr wiederholen, bis sich ein halbwegs normales Level eingependelt haben sollte. Das ist ein Phänomen, welches sich recht leicht erklären lässt. Wimpern- und Augenbraunhärchen, haben alle einen gemeinsamen Zyklus des Verweilens in der Haut. Ist dieser beendet nach circa sechs bis acht Wochen, fällt das Härchen aus. Da sie zeitgleich nachgewachsen sind, verliert man sie somit auch zeitgleich.

 Meine Kopfhaare haben dafür in den letzten vierzehn Tagen, still und leise ihr Wachstum aufgenommen und erheben sich sachte aus ihrem Dornröschenschlaf. Mittlerweile sind deutlich einige Haarflusen auf meinem Kopf zu erspähen. Ein manches von ihnen mehrere Zentimeter lang. Ziemlich farblos das Ganze und nicht wirklich prickelnd. Irgendwie bin ich davon ausgegangen, dass wenn meine Haare ihr Wachstum beginnen - dann sind sie da, dann wachsen sie ALLE zeitgleich. Alle - jetzt und sofort! Aber das, was sich an Haaren auf meinem Kopf befindet, sind spärlich gesetzte Fusselhaare. Mag ich nicht, gefällt mir nicht. Meine Vorstellung unter der Chemotherapie, zu Weihnachten bereits einen ersten Ansatz von Frisur zu haben, schwindet zusehends. Also mit Susann Atwell werde ich auch weiterhin nicht konkurrieren können. Dabei muss ich noch Bilder für einen Reisepass machen lassen, da mein alter seit vielen Jahren abgelaufen ist. In den letzten Jahren hatte ich zu meinem großen Bedauern ja leider nie einen benötigt. Aber für Februar ist Karlssons und meine Erholungsreise nach Phuket geplant. Das ist eindeutig dumm gelaufen. Das Bild in meinem zukünftigen Reisepass, trägt nicht wirklich zu meiner Zierde bei. Es könnte auch einer Verbrecherkartei entsprungen sein.

 

 Mit Justin bin ich zum Abschluss seiner Herbstferien, in einem Friseursalon in der Nähe meiner alten Heimat in Hessen, zum Haare schneiden verabredet. Iris ist die einzige, die Justin seine Haare schneiden darf. Sie lässt sich in aller Ruhe auf ihn ein und er lässt sie machen. Für ihn als Autisten, alles andere als eine leichte Übung. Iris bitte ich zum Abschluss des Termins, die Fusselpracht auf meinem Köpfchen, auf drei Millimeter herunter zu scheren. Beim Ansetzen der Maschine ist mir schon ein wenig mulmig zumute. Ob ich die richtige Entscheidung getroffen habe, mir meine sehnlichst herbei gewünschten Haare scheren zu lassen? Irgendwie scheine ich wohl doppelt bekloppt zu sein, huscht mir der Gedanke durch den Kopf. Wenige Tage später zeigt sich jedoch - ja, es war die richtige Entscheidung! Wenn ich jetzt über meine Kopfhaut streiche, fühlen sich meine Haarstoppel, wie eine Samtkappe unter meiner Handfläche an. Ein unbeschreiblich, schönes Gefühl! Meine jungfräulichen Haare werden in den kommenden Monaten ausgiebig von Justin und mir gestreichelt und gehätschelt. Wenn ich jetzt Anfang November, auch immer noch wie ein Glatzköpfchen aussehe. Gut drei Wochen später, lasse ich mir meine Haare erneut scheren, ehe sie an Länge gewinnen dürfen. Rebecca, meine Physiotherapeutin, berichtet fasziniert von meiner Kopffront, dass sich über meinen Schädel zwei Streifen braune Haare ziehen, mehrere Stellen weiß gesprenkelt und der Rest, in undefinierbarer Farbe erstrahlt. Meine Körperhaare an meinen Beinen und in meiner Bel Etagé, melden sich ebenfalls zurück. Leider auch an meinen Wangen. Äußerst kurios. Irgendwie ging dies über Nacht vonstatten. Mehrere Zentimeter lange Spinnweben liegen auf meinen Wangen, meinem Kinn und Hals an, zum Glück ebenfalls farblos. Ein wenig wie Zuckerwatte anmutend. Ob das jetzt so bleibt, frage ich mich bange? Ob ich mir dieses Gespinst gefahrlos abrasieren darf? Nicht, dass das Ganze noch zu einem ausgewachsenen Bart mutiert? Nicht zu lange überlegen, Rasierer ansetzen und weg damit.

 Von meinem Onkologen Herrn Dr. W erfahre ich, dass diese Gesichtsbehaarung nach einer Chemotherapie, durchaus normal sein kann und sich in der Regel auch rasch wieder legt. So, wie meine Körperhaare kurz darauf ihre Tätigkeit wieder einstellten und in den kommenden Jahren nur sehr reduziert wachsen sollten. Meine Beine, benötigten eine erste Rasur nach vier Jahren. Das Rasieren meiner Beine habe ich beim besten Willen nicht vermisst. Es ist und bleibt ein unliebsames Pflichtprogramm.

 

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 Mein Terminkalender quillt förmlich über. Scheinbar tausend Dinge, die erledigt werden wollen. Autoreifen für den Winter wollen gewechselt werden und vieles andere. Auf Rezept besorge ich mir meine beiden ersten Ausgleich-BHs in einem Sanitätshaus. Sie sind sehr angenehm zu tragen, wenn auch nicht wirklich sexy. In einer winzig, kleinen Kabine, ganz verschämt in der hintersten Ecke des Sanitätshauses versteckt, vorbeigeführt an einem Sortiment unterschiedlichster Inkontinenzartikeln, medizinischen Strümpfen und orthopädischen Verbandsschuhen, findet dieses Einkaufserlebnis, zweifelhafter Art statt. Geht das nicht auch besser, frage ich mich und werfe beim Nachhausegehen, einen neiderfüllten Blick, in die Schaufenster eines Dessous-Fachgeschäftes, direkt um die nächste Straßenecke.

 

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Meine Psyche fährt in den letzten Tagen Achterbahn. Ich fühle mich demotiviert. Mag am liebsten nichts tun. Mein Körper fühlt sich an, als wenn er von einem Zug überrollt wurde. Muskelschmerzen, Knochenschmerzen, Nervengewitter, die durch meine Beine und Füße schießen. Das sind wohl die gefürchteten Nebenwirkungen, der Antihormontherapie, die sich so langsam bemerkbar machen. Meine Brust verheilt dafür weiterhin gut. Sie fühlt sich noch immer sehr empfindlich an und schmerzt im Narbenbereich sehr. Ich achte darauf, dass niemand zu dicht an meine linke Körperseite herankommt. Die vielen Menschen auf den Straßen und Geschäften, sind mir unangenehm. Wenn sie mir entgegenkommen, drehe ich mich seitlich von ihnen weg und versuche möglichst jeden Körperkontakt, zu vermeiden. Ein neurotisches Frollein lässt grüßen...

 

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 Am 12. November, steht das erste Planungs-CT, in der radiologischen Praxis an. Nach einer kurzen Untersuchung meiner Brust, durch Herrn Dr. S, bittet man mich, den Gang rechts ein Stück weit hinunterzugehen und mich dann direkt in einen weiteren Flur nach links zu wenden, und dort zu warten, bis ich aufgerufen werde.

 Heller Linoleumboden zu meinen Füßen. Die Wände in einem schmutzigen Creméton gestrichen. Fotografien, des venediger Karnevals aus den ´90ern, an den Wänden. Stühle, die beidseits des Flurs aufgestellt sind. Mir gegenüber ist ein großer Einwegspiegel angebracht, der auf den Betrachter außerhalb der Weltraumstation, wie ein dunkles Auge wirkt. Mehrere schmale Kabinentüren sind in der einen Wand eingelassen; eine davon mit Flügeltüren, für Rollstühle und Betten. Die wenigen Menschen, die auf dem Flur warten, sind alle still. Bei meinem forsch fröhlichen „Guten Morgen“, schallt mir nichts zurück. Energetische Schwingungen tendieren im äußersten Minusbereich. So suche ich mir kleinlaut einen Platz unter ihnen und warte auf das, was da auf mich zukommen wird.

 Nach kurzer Wartezeit, werde ich von einer jungen Frau am Ende des Flurs in eine kleine Kabine gebeten und aufgefordert, meinen Oberkörper frei zu machen. Man würde mich gleich abholen. Nach scheinbar endlos langen Minuten, klopft es an der Tür und ich werde in einen Raum gebracht, in dem das Untersuchungsgerät aufgestellt ist. Ich werde dazu aufgefordert, mich auf die fahrbare Liege des CTs, zu legen. Zwei Mitarbeiterinnen nehmen meine Arme über meinen Kopf und legen diese in entsprechenden Halterungen ab und passen letztere an meine Körpergröße an. Mein Körper wird zurechtgerückt und dann beginnt die Technik, um mich zu wirken. Es ist laut um mich herum. Rote Linien tanzen über die Decke und zeichnen Muster auf meinen Körper. Zwischenzeitlich betritt eine der Mitarbeiterinnen den Raum und hinterlässt erste Markierungen auf meiner Brust. Ab sofort darf ich meinen Oberkörper nicht mehr duschen, damit die Markierungen bis zur Simulation in einer knappen Woche, nicht verschwinden. Meine Niagarafälle von Hitzewallungen in den kommenden Tagen, machen diese Aufforderung jedoch großflächig zunichte und halten sich nicht an den vorgegebenen Masterplan.

 Eine Woche später, steht der zweite Simulationstermin an. Ähnliche Vorgehensweise wie bei der ersten, mit der Ergänzung, das meine Kriegsbemalung um ein Stück erweitert wird. Zum Abschluss der Untersuchung, bekomme ich meine Termine für die Bestrahlungen, in die Hand gedrückt. Am Montag den 22. November, habe ich die erste von vierunddreißig Bestrahlungen anstehen und am 11. Januar, steht die hoffentlich letzte an. Dann bin ich endlich durch mit den großen Behandlungsblöcken und es darf Heilung einsetzen. Wenn es doch nur schon soweit wäre!

 

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Blog vom 20. November auf WKW

 

 Derzeit habe ich nicht viele Worte für euch. Dafür umso mehr Gedanken, die Rotieren und nicht zum Stillstand kommen mögen. Ich werde immer wieder von euch und anderen gefragt, wie es mir geht. Wie geht es mir? Es ist mir kaum noch möglich, diese Frage zu beantworten. Zum einen, weil ich nicht jammern und klagen mag und zum anderen trage ich seit kurzem eine unbändige Wut in mir. Die Operationen habe ich soweit bestanden, mit der Antihormontherapie begonnen. Das Schlimmste hinter mich gebracht, wie es heißt. Die Bestrahlungen beginnen am Montag, sollen aber nicht so schlimm sein. Aber ich habe Angst vor ihnen und fühle mich - Scheiße...

 Meine ganze positive Energie, der vergangenen Monate scheint wie weggeblasen zu sein. Eine Erklärung hierfür sind wohl das Tamoxifen und das Zoladex, welches ich seit Ende Oktober bekomme. Ich habe bitterböse Knochen- und Muskelschmerzen und bin schon wieder am Gewicht zunehmen. Meine Gefühle und Stimmungen laufen Achterbahn, da mir meine Hormone fehlen.

 Im Moment fühlt sich innerlich alles grau und schwer an. Wo sind meine Leichtigkeit und mein Mut hin? Ich höre und lese derzeit von so vielen Menschen, mit ähnlichen Empfindungen und Gedankengängen wie ich, denen der Krebs letztendlich ihr Leben genommen hat. Das nimmt mir den Atem und gibt mir gleichzeitig das Gefühl, dass ich mit meiner Denke richtig ticke. Wenn auch schräg. Abgrenzen sollte ich mich. Gelingt mir nicht. Irgendwie entspringen ohnehin alle Gefühle, einem mentalen Kern. Vor ihnen weglaufen ist mir somit nicht möglich.

 Jetzt im Moment habe ich das Gefühl, vor lauter Panik keine Luft mehr zu bekommen. Ich weiß nur zu gut, dass wir alle nicht wissen, wann unsere Lebenszeit zum Stillstand kommen wird. Den einen trifft es früher, den anderen später. Den einen so, den nächsten wiederum so. Blabla!!! Aber während ich in meinem Bett liege und diese Zeilen tippe, fühlt es sich für mich so an, als wenn der Tod mit mir in meinem Zimmer atmet, mich aus der dunkelsten Ecke meines Schlafzimmers beobachtet und mich durch seine stille Anwesenheit spüren lässt, dass er MEINE Gesellschaft sucht. Mein Herz klopft wild zum Zerspringen, vor lauter Angst...

 Ganz klar – ich habe Träume, Wünsche, Hoffnungen und Lebenshunger in mir, die gestillt werden wollen – aber habe ich auch die Zeit, all das Erleben zu dürfen und wenn ja, traue ich mich? Oh Zweifel, hinfort mit euch – pfui Spinne!

 Die Banalitäten und Oberflächlichkeiten manch anderer, lassen sich kaum noch aushalten für mich. Zu oft ging es in unserem Leben um Grundsätzliches wie Gesundheit und Lebensqualität. Ich verübele es ihnen nicht einmal. Es ist nur so weit weg von mir und dem, was mich ausmacht. Nicht nur erst seit meiner Krebserkrankung, sondern schon seit so vielen Jahren. Mir wird dies nur immer klarer und die Seite der Anderen, der Gesunden, dafür umso fremder und unverständiger. Ein Widerspruch in sich.?! Am liebsten mag ich mich ganz tief in meiner selbst verkriechen. Andererseits, lasse ich das nicht zu. Trete mir selbst gehörig oft in meinen bequemen Arsch, um nur bloß nicht still zu stehen. Derzeit gibt es ohnehin wenig genug für mich zu tun, was mir noch möglich ist.

 Ich vermisse es zu schwimmen, zu saunen, Yoga, reiten, meine Feminität und überhaupt das Gefühl noch eine begehrenswerte Frau zu sein und kein hässlicher Glatzkopf. Unbeschwert mit meinem Sohn zu toben und gemeinsam mit ihm die Welt zu erobern. Es begann doch gerade erst wieder leichter zu werden für uns. Ich trage eine Stinkwut in mir, dass ich immer wieder zu den Scheißarschlöchern gehöre, die bei allen Prüfungen des Lebens laut schreit:

 

„Hier, Hallo! Ich, Ich, nimm mich!!!“

 

gehöre und sich gar zu gerne die doppelte und dreifache Portion einschenken lässt. Ich weiß, dass es lange nicht reicht, nur das Beste für sich zu wollen. Frage mich, wie entscheidet es sich, wer gute Chancen hat vom Arschlochkrebs, in scheinbare Gesundheit entlassen zu werden? Es gibt aus meinem Umfeld so viele gutgemeinte Tipps, die man gar nicht alle befolgen kann. Manche lassen mich völlig ratlos zurück, produzieren sogar noch ein schlechtes Gewissen in mir, dass ich scheinbar nicht genug zu meiner Heilung beitragen würde. Bei vielen von euch Ratgebenden, habe ich oftmals den Eindruck, dass ihr diese für euch selbst befolgen und nicht auf mich übertragen solltet.?! Seht ihr denn nicht, dass ich das Talent mitbringe auf mich achten zu können? Dass ich die kleinen Dinge des Lebens wertschätze, die es erst so wertvoll machen? Dass ich das Leben liebe und dabei so manchen wunderbaren Augenblick genießen darf? Selbst in den vergangenen Monaten? Ich bin dabei Menschen begegnet, die mich bereichern und beschenkten.

 Abgrenzen sollte ich mich von all diesen Ratgebenden Personen um mich herum. Raten mir meine Psychoonkologin, als auch mein Verstand. Gelingt mir jedoch nur bedingt... Und nun im Augenblick, verspüre ich die abgrundtiefe Angst in mir, dass all das was mich ausmacht und meine gewählten Mittel, gegen den Krebs, nicht ausreichen könnten, um gesund zu werden. Sich meine Zukunft der kommenden Jahre um nichts anderes als Rezidive, Metastasen, Chemotherapien, Nebenwirkungen der Medikamente, anhaltende Schmerzen und dergleichen mehr, drehen wird.

 Ich weiß nicht, was mein Körper derzeit in mir bewirkt – geht es in Richtung Heilung oder wird der Krebs im schlimmsten Fall, immer tiefer seine Scheren in mich verbeißen? Ein derzeitiger kleiner Trost für mich ist, dass meine Gedanken nicht untypisch für Betroffene sind. Manch einer von ihnen denkt und handelt sogar wesentlich radikaler, rigoroser als ich. Es ist somit völlig in Ordnung, dass ich denke, wie ich denke. Dennoch bin ich Gram mit mir selbst. Gram darüber, nicht gesund zu sein. Ich bin so UNENDLICH müde.

 

"ICH WILL GEWINNEN! GESUND IN MIR SELBST SEIN",

 

setze ich den trüben Gedanken, laut entgegen. Verpiss dich doch einfach nur,

 

DU SCHEISSARSCHLOCHKREBS...

 

 

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Für heute, den 22. November, steht die erste Bestrahlung an. Mir ist ganz flau in meinem Magen, vor all dem Unbekannten, das mir während der Bestrahlungsphase, bevorstehen wird.

 

 Justin habe ich diesen neuen Abschnitt der Behandlung, folgendermaßen erklärt. Seine Mama legt sich auf einen großen Tisch und um sie herum ist ganz viel Weltraumtechnik. Die schießt dann auf seine Mama mit unsichtbaren Strahlen, ein kleines Feuerwerk ab und brutzelt alles Kranksein von Mama hinfort! Sohn:

 

„Pikse?“ Mama: „Nein, keine Pikse mehr!“ Sohn: „Dut!“

 

 Den Gang durch die Klinik, hinab in das Verlies der Radiologie, ist mir mittlerweile vertraut. Das macht ihn nicht unbedingt angenehmer. Farblich nichtssagend, vorbei an einer Unmenge geparkter Krankenhausbetten, wirkt dieser Weg fast ein wenig wie der letzte Gang zu einer eisigen Leichenkammer. Kein Wunder, dass die Patienten und Angestellten in der Radiologie dermaßen mies drauf sind. Das Umfeld bewirkt sicherlich einiges dazu. Vielleicht sollte man dem Management der Klinik ein Projekt vorschlagen, um für die Menschen, die dort ihre Behandlung durchstehen müssen, dass Ambiente angenehmer zu gestalten? Ein wenig mehr Farbe, würde sicherlich allen Beteiligten, gut tun...



 Wie in der letzten Woche angewiesen, suche ich mir einen Platz auf dem Flur vor den Kabinentüren, die ich nervös beäuge. Die meisten meiner Mitpatienten, grüßen mich auch dieses Mal nicht und vermeiden jeglichen Augenkontakt, als wenn ich eine ansteckende Krankheit hätte. Ob es daran liegt, dass ich oben ohne trage? Bin ich ihnen peinlich? Oder haben sie Angst dabei ertappt zu werden, dass die meisten von ihnen, wie ich Krebs hatten oder gar haben? Seis drum – manche Perücke, die dieser Tage dort an mir vorbeiflaniert, bestätigt nochmal so sehr meine Entscheidung, mich von Anfang an, gegen eine Perücke entschieden zu haben. Manches dieser Gesichter, wird mir in den kommenden Monaten vertraut werden. Mit einigen wenigen, wird sich hin und wieder ein Gespräch ergeben. Wieder einmal bin ich mit Abstand, eine der jüngsten Patientinnen.

 Eine weibliche Stimme über Lautsprecher, ruft meinen Namen auf und nennt mir eine Kabinentür. Die Kabine, die sich hinter der Tür verbirgt, ist winzig klein, mit einem Stuhl und einem Spiegel versehen. Ich hasse solch kleine Räume. In ihnen fehlt mir die Luft zum Atmen. Wie es mir in der letzten Woche bereits aufgetragen wurde, mache ich meinen Oberkörper frei und wickle mich in ein großes Handtuch, welches ich mitbringen sollte und ziehe meine Schuhe aus. Nach einigen Minuten geht zur gegenüber liegenden Seite, eine zweite Tür auf, und mir stehen zwei Assistentinnen gegenüber. Zackig werde ich gebeten, ihnen zu folgen. Hier auf der anderen Seite der Spiegelwand, sind die Wände gestrichen und farbige Bilder hängen an den Wänden. Einmal geht es links um eine Ecke herum und vor mir steht das technische Gerät, welches mich bereits im Vorfeld so ängstigt. Das Bestrahlungsgerät ist gigantisch in seinen Ausmaßen und dunkelmeerblau lackiert. Die eine Wand des Raums ist mit dem Kontrollzentrum durch einen zweiten großen Einwegspiegel verbunden. Gegenüber dem Bestrahlungsgerät ist an einer zweiten Wand relativ weit oben, eine elektrische Tafel angebracht, die in roten Leuchtdioden die Daten des Patienten wiedergibt.

 Man weißt mich in knappen Worten an, mein Handtuch auf die fahrbare Liege auszubreiten und mich daraufzulegen. Wie bereits im CT vorberechnet, werden die Armstützen über meinen Kopf angebracht und meine Arme hineingelegt. Unter meinem Rücken werden ebenfalls Feinjustierungen der Halterungen vorgenommen. Über mein Handtuch ruckeln mich die beiden Damen solange zurecht, bis sie scheinbar zufrieden mit meiner Endposition sind. Ich solle jetzt ganz ruhig atmen. Das Ganze wird auch nicht wehtun. Bevor die tatsächliche Bestrahlung beginnt, würde ich nochmals vermessen und geröntgt werden, ehe es tatsächlich losgeht, erklären sie mir. Nach dem Röntgen würden sie den Raum betreten und meine Lage korrigieren. Ihre Anwesenheit solle ich dann komplett ignorieren und sie nur machen lassen. Hauptsache, ich bewege mich in dieser Zeit nicht. Ohne ein aufmunterndes Wort, verlassen sie den Raum.

 Und ich? Ich liege still und steif aufgebahrt wie ein Opferlamm auf diesem Weltraumtisch und versuche meine Panik in den Griff zu bekommen und dabei möglichst ruhig und tief in den Bauch zu atmen. Tatsächlich stehe ich kurz vor einer Schnappatmung. Ich spüre die harte Unterlage unter meinem Körper, mein Kopf und meine Arme gestützt in Halterungen. Selbst das Schlucken und Blinzeln meiner Augen, versuche ich tunlichst zu vermeiden. Über mir beginnt das Gerät zu surren. Probelauf und Röntgen haben begonnen. Nach wenigen Minuten ist dieser Ablauf vollendet und eine der Assistentinnen tritt zu mir und ruckelt erneut an meinem Handtuch herum, bis ich Millimetergenau ausgerichtet bin. Die Assistentin zückt verschiedene Stifte und vervollständigt das Bestrahlungsmuster auf meinem Brustbereich. Meine Kriegsbemalung der kommenden Monate, erstrahlt in blau, grün und schwarz. Erneut bin ich alleine.

 

 Das Gerät über mir beginnt seine Tätigkeit aufzunehmen. In einem kleinen Sichtfenster des Gerätes, kann ich beobachten, dass sich Zargen, die eine entfernte Ähnlichkeit zu den Buchstabenarmen früherer Schreibmaschinen aufweisen, sich mit einem schnarrenden Geräusch verschieben und so das Bestrahlungsfeld einstellen. Nach der entsprechenden Einstellung, beginnt es über mir zu surren. Es folgt Stille und der bewegliche Teil des Gerätes wandert von oben über meinen Körper ringförmig hinab an meine linke Seite, außerhalb meines Sichtfeldes. Es stoppt und erneut surrt es zwei Mal. Das wars auch schon an Bestrahlungseinheit für heute. Zum Ende meiner ersten Bestrahlung, konnte ich meine Panik halbwegs in den Griff bekommen. Aufkommende Tränen wurden tapfer hinuntergeschluckt. Möglichst Bewegungsfrei – denn die Devise lautet ja:

 

Still und starr ruht der See und sonst nix...

 

 Eine der Assistentinnen betritt den Raum und fragt mich, wie es mir gehen würde. Sie hilft mir, von dem Tisch herunterzuklettern. Das sind nun mal nicht die Erfahrungen, die man unbedingt in seinem Leben durchmachen möchte, antworte ich ihr. Leider wüsste sie dies selbst nur zu gut aus eigener Erfahrung. Sie hätte dies alles 2001, erleben müssen. Ihr großes Loch, hätte nach den Therapien begonnen. Die Angst und Unsicherheit vor einem Rezidiv oder einer Neuerkrankung, begleitet sie bis heute, lässt sie mich wissen. Es erstaunt mich, dass sie diesen Job Tag für Tag durchsteht und dabei Frauen begegnet, die wie sie an Brustkrebs erkrankt sind. Ihre Erkrankung ist vielleicht die Erklärung dafür, dass sie zu Anfang wenig freundlich zu mir war und ihre Geschäftigkeit vielleicht als nötiger Puffer zu uns Patientinnen dient.

 Zu Hause angekommen, pinne ich den Zettel mit den Terminen, an meinen Kühlschrank. Von nun an wird jede absolvierte Bestrahlung mit einem Häkchen versehen und mir zeigen:

 

Yes, I can!!! Und das ab sofort gilt: Als Person bin ich nun hochoffiziell verstrahlt!!!

 

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 Die zweite Bestrahlung, erfolgt in ganz ähnlicher Weise wie die erste. Diesmal gelingt es mir, meine Atmung etwas besser kontrollieren zu können. Wenn ich auch am liebsten auf schnellstem Weg, von diesem Weltraumwundergerät gesprungen wäre. Aber ich muss da jetzt durch. Am Ende diesen Weges lockt das Ziel, dass ich gesund sein werde.

 Zuhause angekommen, kann ich mein zweites Häkchen auf meiner Terminliste setzen. Das schenkt mir ein gutes Gefühl. Meine Brust reagiert bereits jetzt mit einer Wärmeentwicklung auf die Behandlung. Das verunsichert mich ein wenig, weil mir die Ärzte erklärten, dass man in der Regel frühestens nach zwei Wochen, mit den ersten Reaktionen der Haut rechnen könne. Ich hoffe sehr, dass dies nicht bedeuten wird, dass ich zu den Patienten zählen werde, die mit offenen Verbrennungen am Ende der Therapie zu kämpfen haben. Ich habe keine Lust mehr, auf weitere Nebenwirkungen.

 Vor meinem heutigen Termin in der Radiologie, absolvierte ich einen Termin bei meiner Gynäkologin, um mir meine zweite Zoladexspritze in meine Bauchfalte, setzen zu lasse. Zuvor gibt es eine erneute Vaginaluntersuchung, die für die kommenden Jahre zu jedem Zoladextermin, dazugehören wird. Von dem Zoladex ausgelöste Knochenschmerzen, ziehen als heftige Gewitterstürme durch meine Knochen, die mich zunehmend zermürben. Mein vielfach zitierter Spruch: „Alles wird gut!“, klingt nicht mehr glaubhaft. Dafür habe ich einen neuen Lieblingsausdruck, welchen ich derzeit gar zu gerne einsetze. Meine Wahl ist ungewöhnlich für mich, da ich dafür bekannt bin, mich gewählt auszudrücken. Der konsternierte Blick meiner Zuhörer und ihr Zusammenzucken bei meinem Benennen des ganzen Dilemmas, in dem ich derzeit sitze, lässt mich diese zwei Wörter jedoch mit Genuss zelebrieren und ich bekomme gar nicht genug von ihnen:

 

„Perforierte Arschlochscheiße!“

 

 Ich habe keine Lust mehr, das ganze Ausmaß meines Dilemmas auch noch zu belobhudeln, wie es mich manch einer wissen lässt. Dieser stellenweise immense Druck, muss aus mir heraus dürfen. Ohne große Zensur von anderen. Ein Sandsack wäre allerdings auch eine gute Alternative. Aber ich hab keinen...

 

 Am späten Abend, als Justin im Bett liegt und schläft, setze ich mich zum ersten Mal an meine Wunschliste, die ich für das nächste Jahr angehen möchte. Die Wünsche schlummern bereits eine ganze Weile in mir und lassen so manchen begehrlichen Blick, auf das kommende Jahr werfen. Es wird Zeit, dass ich mir diese deutlicher vor Augen führe und mich an ihnen zum Kraft tanken orientiere.

 

  • mit Justin die Welt erobern und leichte Momente genießen
  • eventuell in Karlssons Haus nach Schweden reisen und dort einen Urlaub verbringen
  • ein Alin Coen Konzert besuchen und unbedingt zum ersten Mal eine Oper besuchen
  • Wellness und Körperpflege in exquisitem Ausmaß genießen
  • London
  • Barcelona
  • Malkurs
  • Schreibkurs
  • viel Zeit mit mir wichtigen Menschen verbringen
  • mich unendlich auf meinen neuen Haare und den ersten Friseurbesuch freuen
  • das kommende Frühjahr, mit allen Sinnen genießen

 

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 Am 8. Dezember, steht in der onkologischen Tagesklinik, ein Termin zwecks Spülen des Ports und zur Bestimmung des kleinen Blutbildes an. Gegen die anhaltenden Knochenschmerzen, empfehlen mir die Schwestern viel Bewegung und Wärme. Das mir Bewegung gegen die Schmerzen hilft, dass hatte ich für mich bereits festgestellt. So bin ich mit Justin nach wie vor mit seinem Spezialfahrrad, viele Kilometer unterwegs und nutze auch sonst jeden Meter Laufens, an der frischen Luft. Auf dem Flur der Praxis, findet eine kurze Begegnung mit meinem Onkologen Herrn Dr. W statt, der mich nach meinem Befinden erkundigt. Als er erfährt, dass mein heutiger Termin unter anderem zwecks Portspülens ansteht, ist seine Entgegnung darauf, dass es doch das Beste sei, wenn ich mir diesen nach der Bestrahlungstherapie, operativ entfernen lasse? Den bräuchte ich ganz sicherlich nicht mehr.

 Ich befinde mich in der dritten Woche der Bestrahlungen und verkrafte sie bislang recht gut. Wenn mir meine Psychoonkologin auch dazu rät, dass ich mit meinen Kräften haushalten und nicht versuchen solle, zu viel umzusetzen. Dabei mag ich jetzt endlich wieder so richtig aus dem Vollen schöpfen und mich nicht immer wieder ausgebremst fühlen. Es erleichtert mich, dass ich die Bestrahlung so gut verkrafte. Wenn mir auch dieser kleine Motivationshebel wie bei der Chemotherapie fehlt, diese mental zu verarbeiten. Bei der Chemotherapie konnte ich mir Tropfen für Tropfen vorstellen, wie diese meinen Körper bis in die kleinste Zelle durchströmten und Krebszellen vernichten. Bei der Bestrahlung hingegen gelingt es mir nicht, mentale Bilder zur besseren Unterstützung vor meinem inneren Auge, heraufzubeschwören. Kaum liege ich auf diesem Tisch, werde ich zurechtgerückt, meine Kriegsbemalung nachgezeichnet und es beginnt die Bestrahlung. Hin und wieder um ein Kontroll-CT, erweitert. Nach wenigen Minuten ist die komplette Prozedur beendet und ich für den Tag entlassen.

 

 Dafür haben sich einige der Assistentinnen der radiologischen Praxis im Laufe der vergangenen Wochen, als ausnehmend freundlich herausgestellt, die auch mit meinem Humor und guter Laune umgehen können. Schon bald habe ich von ihnen den Spitznamen „Strahlefrau“ erhalten. Es erleichtert mich immer sehr, wenn ich bei meinen Terminen, eines dieser freundlichen Gesichter erspähe und weniger mit denen zu tun habe, die dir als Patientin nicht einmal in die Augen schauen und dir das Gefühl vermitteln, eine Unperson zu sein.

 Seit der vergangenen Woche begegne ich vor der Bestrahlung hin und wieder zwei weiteren jungen Brustkrebspatientinnen, die ihre Behandlung wenige Tage nach mir begannen. Es ist kaum zu glauben, was sich Frauen innerhalb weniger Minuten Wartezeit, alles anvertrauen können. Eine von ihnen bewundert sehr, dass ich keine Perücke trage und vertraut mir an, dass sie durch mich den Mut gefasst hätte, sich nun auch ihr nachwachsendes Haar wenigstens einmal scheren zu lassen, da meines bereits sehr dicht aussehen würde. Sie erzählt mir, wie lang ihre Haare schon sind. Bei ihren Worten kommt leiser Neid in mir auf und ich bezweifle in diesem Moment meine Entscheidung, meine Haare in dieser Woche bereits zum zweiten Mal auf drei Millimeter scheren zu lassen. Kurz nachdem sie in ihrer Kabine verschwunden ist, öffnet sich die Tür zu ihrer Kabine erneut und sie steht ohne ihre Perücke vor mir. Für ihr Vertrauen und ihren Mut, hätte ich sie umarmen können. Für meinen Neid, den ich wenige Minuten zuvor auf ihr bereits vermeintlich langes Haar verspürte, hätte ich mich jedoch in Grund und Boden schämen mögen. Es gab keinen Grund des Neids...

 

Wir Brustkrebsmädels haben alles Recht darauf, unser Köpfchen schön stolz weit oben zu tragen. Ganz gleich ob mit oder ohne Haare oder wie fusselig, sie auch immer sein mögen!

 

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 Mit Beginn der vierten Woche der Bestrahlungen, hält die Müdigkeit Einzug. Von einem Tag auf den anderen überrollt sie mich und begleitet mich von da an wie eine schwere muffige Decke, durch mein Alltagsgeschehen. Ich gönne mir zunehmend Pausen auf unserem Kuschelsofa und bin oftmals erstaunt, wie viele Stunden, derzeit ein Mittagsschlaf andauern kann. Aber das passt zu unserem Wetter. Diesen Winter fällt viel Schnee und bedeckt das Land mit einer geschlossenen Schneedecke. Der Schnee und seine Stille, die er mitbringt, legen sich beruhigend auf meine aufgewühlten Sinne. Die Luft ist klar, klirrend kalt und findet ihren Weg bis ganz tief in meine Lungen und lässt meine Wangen rot glühen. Ich liebe es sehr, wenn ich durch unberührten Schnee laufen und dabei meine Spuren in ihm hinterlassen kann.

 

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 Worüber ich mir Gedanken machen muss, dass ist der Punkt Weihnachten. Wie wollen wir in diesem Jahr Weihnachten feiern? Heilig Abend verbringen Justin und ich schon immer zu zweit. Dies wird auch in diesem Jahr nicht anders sein. Am 1. Weihnachtsfeiertag gab es in der Vergangenheit den obligatorischen Besuch bei meiner Mutter. Zusammen mit all meinen Geschwistern, den jeweiligen Partnern, Kindern, einer Gans, vielen Geschenken und Geschrei. Bei der Vorstellung, dieses Weihnachten mit ihnen allen zu erleben, wie in der Vergangenheit, dreht sich mir der Magen um. Ich werde das nicht können. Die Enge, das Laute, das Unausgesprochene, dass zwischen uns allen stehen wird. Es war ihnen nicht möglich, all das Schwere in diesem Jahr gemeinsam mit mir auszuhalten und uns begleitend zur Seite zu stehen. Oder zumindest nicht so, wie Justin und ich Unterstützung benötigt hätten und sie uns wünschten. Jeder von ihnen hatte seine eigenen persönlichen Gründe, warum es nicht möglich war. Es zeigt mir jedoch, dass ich die vermeintlich guten Zeiten nun auch nicht mit ihnen verbringen möchte. Zu tief sitzt die Enttäuschung in mir. Meine Mutter ist über meine Entscheidung geschockt, als ich endlich soweit bin, ihr diese mitzuteilen. Es tut mir leid, dass ich sie als Tochter dermaßen enttäusche. Ich hoffe sehr, dass sie mich in Bezug dessen, vielleicht eines Tages verstehen und mir verzeihen wird. Kurz darauf ruft meine kleine Schwester an und fragt weinend, ob ich meine Entscheidung nicht doch überdenken wolle und Weihnachten mit ihnen allen zusammen feiern möchte? Aber meine Entscheidung steht fest. Weihnachten werden Justin und ich sicher und geborgen zu Hause feiern, ganz für uns. Am Tag meiner Mitteilung, lösche ich meinen Account auf WKW und somit all meine Gedanken und Einblicke in mein Seelenleben, als Brustkrebspatientin.

 

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 Hinter jeden absolvierten Termin meiner Bestrahlungen, setze ich weiterhin fleißig ein Häkchen. Über die Hälfte habe ich nun geschafft. Meine operierte Brust ist stark gerötet, sehr heiß und geschwollen und dadurch größer als die gesunde Seite. Mein Sentinelschnitt, der so viele Monate benötigte sich zu schließen, öffnet sich erneut nässend. Die Haut löst sich in dunklen Schichten und mutet verbrannt an. Ein Arzt der radiologischen Praxis, der die Wunde kontrolliert, ist der Ansicht, dass der Zustand der offenen Wunde nicht weiter tragisch sei. Insgesamt würde meine Haut die Gy-Einheiten gut verkraften. Ebenfalls sei nicht tragisch, dass ich in den letzten Tagen zunehmend mit Durchfall und Übelkeit zu kämpfen habe. Letzteres sei aus ärztlicher Sicht keine Nebenwirkung der Bestrahlungen. Später erfahre ich, das Durchfall, Übelkeit bis hin zu Erbrechen, Kopfschmerzen und Müdigkeit, in Fachkreisen auch gerne als Strahlenkater bezeichnet werden und auch bei Brustkrebspatientinnen vorkommen können.

 Ich freue mich auf den Zeitpunkt, wenn ich den Block der Behandlungen endlich bewältigt haben werde. Ich habe keine Lust mehr auf die täglichen Behandlungen, Schmerzen und Nebenwirkungen der Therapien und wünsche mir nur noch sehnlichst, das Jahr 2010, endlich hinter mich zu bringen. Die täglichen Behandlungen mit ihren Fahrten in die Klinik, entwickeln sich zunehmend als stumpfsinnig und stupide und entzieht mir all meine positive Lebensenergie. Wenn ich nicht gerade unsere Termine und letzten Vorbereitungen für Weihnachten absolviere, vertrödele ich meine Zeit mit Nichtstun und versuche dabei so wenig als möglich zu Grübeln und mögliche Gedankengänge, die in ein graues Nichts führen, abzublocken. Darüber hinaus übe ich mich weiterhin im großen Stil des Geld ausgebens und eine Besserung dessen, scheint nicht in Sicht zu sein. Es ist mir ein großes Bedürfnis, den Menschen um mich herum, eine Freude zu machen. Viele von ihnen beschenkten und unterstützten mich in diesem Jahr sehr reich und ließen mir stellenweise eine ungeahnte Großzügigkeit zukommen, die vieles erst möglich machte und mir manche Sorgen ersparten.

 

Meine Herzensmenschen – ich danke euch allen sehr!!!!!!!!!

 

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Heilig Abend, präsentiert sich als ein perfektes Weihnachtsfest, in strahlend weißem Gewand. Den ganzen Tag schneit es ohne Unterlass. Letzte Weihnachtspost erreicht uns dank fleißiger Postboten, deren Inhalt mich zu Tränen rührt.

 Justin ist mit seiner Bescherung überglücklich und zufrieden. Ich bin von ganzem Herzen zutiefst dankbar, diesen Tag mit meinem Kind erleben zu dürfen. Jedes Lachen und Strahlen seiner Augen, ist für mich das kostbarste Geschenk überhaupt.

 In der Nacht, als Justin schlafend in seinem Bett liegt und ich über ihn wache, öffne ich weit die Fenster meines Wohnzimmers und trete barfuß auf unseren verschneiten Balkon und lasse mich zufrieden von der kalten Luft, umschließen. In einer Laterne auf dem Balkon, brennt eine Kerze für Verena. In der Ferne höre ich Kirchenglocken, die die Gläubigen zur Mitternachtsmesse rufen. Durch die dichte Schneedecke wirkt die Welt entrückt und friedlich, als wenn die Menschen nicht in der Lage sind, Unglück und Leid über sich und andere zu bringen. Ich lebe! Darüber bin ich mir mit jedem meiner Atemzüge bewusst und genieße diese entrückten Momente des Heiligen Abends sehr. Ich weiß zwar nicht, wie mein weiteres Schicksal sich gestalten wird. Ich hoffe jedoch von ganzem Herzen, dass ich noch lange Zeit gesund bleibe und unser Leben lenken darf. Manchmal macht mich die Unsicherheit, die der Krebs in den letzten Monaten mit sich brachte, schier wahnsinnig vor Angst und diese Gedanken lassen sich stellenweise auch nur schwer aushalten. Aber für genau diesen Moment, ist alles gut!

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 Zwischen den Jahren, darf ich mir täglich meine weiteren Bestrahlungseinheiten abholen. Justin kann ich bis auf eine Ausnahme, für meine Behandlungen in die Lebenshilfe bringen und anschließend von dort direkt wieder abholen. Auf diesem furchtbar deprimierend anmutenden Flur der Radiologie, möchte ich meinen Sohn möglichst nicht auf mich warten lassen. Heute am 30. Januar, habe ich die letzte Bestrahlung auf meine gesamte Brust erhalten. Im neuen Jahr, stehen nur noch die sechs kleinen Boost-Bestrahlungen der Narbe an. Auf Grund dessen, wurde ich heute nach der Bestrahlung und einem weiteren Planungs-CT, neu eingezeichnet. Am 3. Januar, wird es mit den sechs letzten Bestrahlungen losgehen. Durch die vielen Feiertage, verlängert sich der Block der Bestrahlungen um über eine Woche. Eindeutig dumm gelaufen für mich. Aber dann wird auch endlich gut sein...

 

 Justin ist zuckersüß besorgt um mich. Meine Müdigkeit der letzten Wochen, ist ihm nicht verborgen geblieben. So versucht er, mich zu einem täglichen Nachmittagsschläfchen zu bewegen. Er breitet fürsorglich eine Decke über mich und gibt mir einen Kuss auf die Stirn. Manchmal kuschelt er sich an meine Seite und beobachtet mich beim Schlummern. Für seine Fürsorge und Rücksichtnahme, die alles andere als eine Selbstverständlichkeit ist, liebe ich meinen Sohn nochmal so sehr. Ich bin ihm zutiefst dankbar für diese kleinen Ruhepausen, die er mir großmütig schenkt.

 

 Dabei geht es mir in den letzten Tagen des alten Jahres, zusehends besser. Ich bin nicht mehr ganz so müde wie die Tage zuvor und die Talfahrt an Nebenwirkungen des Zoladex, entlassen mich scheinbar früher aus ihren Klauen. Zuversicht und Freude, stellen sich neu ein und lassen mich mit frischer Energie unseren Alltag meistern. Der Winter hält das Land weiterhin fest im Griff. Es ist klirrend kalt und wir genießen unsere Ausflüge in den Park Schönbusch, wo Justin mit Stöcken das Eis an den Bachläufen löst. Die Seen im Umland und stellenweise auch der Main, sind idyllisch zugefroren, so dass Schlittschuhläufer die Eisflächen als bunte Farbkleckse zieren und sich eine ausgelassene Stimmung unter den dick eingemummten Spaziergängern, gelegt hat. 

 

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Das Neue Jahr, begrüßen wir sicher und geborgen zu Hause. Dabei würde ich am liebsten mit weit offenen Armen auf dem Eisernen Steg in Frankfurt stehen und den Menschentrubel in ausgelassener Feierstimmung um mich herum tosen lassen, während das mitternächtliche Feuerwerk als mein persönlicher Glückssegen, den Himmel bunt erblühen lässt. Aber das ist mit Justin auf Grund seines frühkindlichen Autismus und seiner Empfindsamkeit, in Bezug zu lauten Geräuschen, nicht möglich. Das bedaure ich sehr an diesem Abend. Aber so und nicht anders ist es nun Mal...



  Die letzten sechs Bestrahlungen, haben sich als gut aushaltbar und weniger belastend herausgestellt, als die vorangegangenen. Am 11. Januar ist es endlich so weit. Die letzte ist bestanden und es ist vollbracht. Meine Haut hat die Strapazen der Bestrahlungen soweit gut mitgemacht. Das Abschlussgespräch in der Praxis war ernüchternd, weil erneut jede Menge Verhaltensmaßregeln genannt wurden. Wie zum Beispiel, dass Verbot von Sonneneinstrahlungen auf die bestrahlten Hautpartien, keine heißen Vollbäder oder Saunagänge und ähnliches mehr. Ach, eigentlich auch egal! Mal schauen, wie das Leben morgen ausschauen wird. Denn das wichtigste für heute ist – ich habe es geschafft! Die großen Behandlungsblöcken sind endlich bewältigt!!! Ich kann es kaum glauben:

 

Ich habe es geschafft!!!!

 

 Auf dem kürzesten Weg, fahre ich nach Hause. Kaum zu Hause angekommen, entkleide ich mich umgehend und dusche ausgiebig nach über acht Wochen, zum ersten Mal vollständig. Welch eine pure Lust der volle Wasserstrahl auf meiner Haut auslöst, lässt sich kaum beschreiben. Mit Baby-Öl, entferne ich sachte die bunte Kriegsbemalung von meinem Oberkörper und gönne meiner beanspruchten Haut, eine extraportion Pflege. Ich stelle mich nackt vor einen Spiegel, begutachte meinen vernarbten und geschundenen Körper und ziehe ein kleines Resümee.

 

 Meine Haare sind mittlerweile einen guten Zentimeter lang. Sie lassen zwar noch sehr an Dichtigkeit zu wünschen übrig, aber ich habe zumindest eine erste Art von Frisur vorzuweisen. Seit einigen Tagen stehe ich morgens vor dem Spiegel in meinem Bad und messe jeden hinzugekommen Millimeter, stolz anhand eines Streichholzes. Die gelblich verfärbten und sehr dünn gewordenen Nägel unter der Chemotherapie, sind weitestgehend gesund nachgewachsen. Meine Taille und somit mein Gesamtumfang, sind noch immer deutlich aufgeschwemmt. Der Port unter meinem rechten Schlüsselbein stakt sichtbar als Knopf, unter meiner Haut hervor. Die Portnarbe ist sehr breit und ausgefranst an ihren Rändern. Meine an Krebs erkrankte Brust, ist durch die ausgelöste Entzündung der Bestrahlung, sehr rot, geschwollen und heiß. Sie wirkt, als hätte sie einen sehr starken Sonnenbrand abbekommen und fühlt sich entsprechend empfindlich und stellenweise sehr hart an. Meine eigentliche Brustnarbe sieht trotz allem gut aus. Der Sentinelschnitt dagegen, erinnert an eine Kraterlandschaft.

 

 Aber dennoch – bis hierher habe ich es geschafft! Und das wird mir keiner mehr nehmen können...

 

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Zwei Tage später steht in einer ambulanten Chirurgie, der Termin zur Portextraktion an. Ich bin nervös und hoffe, dass es nicht gar zu schlimm wird, da der Port ja nur unter örtlicher Betäubung entfernt wird. Es gibt Frauen, die lassen sich ihren Port unter Vollnarkose entfernen. Man ruft mich auf und ich werde gebeten meinen Oberkörper frei zu machen und mich auf einen entsprechenden Tisch zu legen. Um mich herum wird eine Art Sichtschutz aufgebaut, damit ich das Operationsfeld nicht einsehen kann und werde für den Eingriff vorbereitet.

 Nach Einwirken der Betäubung geht es los. Es fühlt sich an, als wenn ordentlich an einem herumgezerrt wird. Das hatte ich mir so nicht vorgestellt. Schmerzen habe ich keine. Im Liegen merke ich jedoch, dass mir mein Kreislauf Probleme bereitet und mir fürchterlich übel wird. Nach einer gefühlten Ewigkeit, ist der kleine Eingriff beendet. Die Ärztin erklärt mir während des Eingriffs, alle vorgenommene Schritte. Unter anderem hat die Operation ein klein wenig länger gedauert, weil sie den Versuch unternommen hat, dass die neue Narbe besser aussehen wird, als bislang und entsprechend einiges von dem alten Narbengewebe entfernt. Bis morgen führt aus der Wunde eine Drainage. Meinen Port, der mir in den vergangenen Monaten wertvolle Dienste leistete, lasse ich in der ambulanten Chirurgie zurück. Als Trophäe taugt er in meinen Augen nichts. Stunden später fühlt sich die Stelle an der der Port saß, als wenn man mir einen heftigen Schlag gegen die Schulter von vorne versetzt hätte. Es tut richtig dolle weh. Autschen gilt nicht, da muss ich mal wieder durch...

 

 Drei Wochen später ist die Portnarbe soweit verheilt, dass ich mit meinem Schwimmtraining beginnen kann. Das Element Wasser löst ein pures Lebensgefühl, mit unglaublichen Glücksmomenten in mir aus. Ich darf endlich wieder schwimmen, ohne dass ich direkt bei der ersten Bahn wie eine Landratte untergehe und ersaufe. Zum Glück sieht man im Wasser keine Freudentränen. Aber sie sind da. Einfach, weil es so erfüllend ist, mit jedem Arm- und Atemzug, meine Bahnen durch das Becken zu ziehen. Zeitgleich erlebe ich von Woche zu Woche, dass sich meine Kondition verbessert. Die Müdigkeit lässt zusehends nach. Meine kognitiven Fähigkeiten spielen mir hingegen noch immer gewaltige Streiche und ich stehe vielen Alltagssituationen enorm unkonzentriert gegenüber. Ich vversuche das Ganze, dennoch mit Humor zu meistern. Manche Tage ziehen an mir vorbei, ohne dass ich groß etwas auf die Beine gestellt bekomme. Aber das ist mir meist wurscht. Einfach, weil:

 

,,Ich bin!“

 

Mein so wichtiges Mantra aus dem vergangenen Jahr...


 

 Meine Haare sind nun knapp zwei Zentimeter lang. Jeder Millimeter sehnlichst herbei gewünscht. Meine Haarfarbe ist nach wie vor blond. Wenn auch nicht mehr so hell, wie einst. In stillen Momenten gestehe ich mir ein, dass ich meine langen Haare vermisse. Justin geht es scheinbar ähnlich. Meine Glatze trug mein Sohn mit aller Lässigkeit. Doch jetzt, wo meine Haare wieder wachsen, scheint auch bei ihm dieser Verlust zum Tragen zu kommen.

 

Die Angst, dass der Krebs erneut zurückkommen könnte, kann ich dieser Tage gut aushalten. Wenn sie mich auch immer begleitet. Ich habe das Gefühl, dass ich in meinem Leben an einer Weggabelung stehe. Das sich nun entscheiden wird, wie sich mein restliches Leben gestalten wird. Das Leben ist so schön. Trotz allem reich und prall, neben all den leidvollen Erfahrungen. Mir wurde viel geschenkt in diesem schweren Jahr. Nun wird es Zeit, dass ich gestärkt nach vorne in unsere Zukunft starte...

 

Kapitel 12


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