Bin ich ein Opfer? Nein...

In den letzten Monaten begegnet mir des häufigeren wiederholt die Äußerung, dass ich mich für meinen Sohn aufopfern würde. Im Wort aufopfern, verbirgt sich das Wort Opfer und löst in mir einen absoluten Widerwillen aus. Warum gehen so viele davon aus, dass ich mich aufopfern würde, nur weil ich mich um meinen schwer mehrfachbehinderten Sohn kümmere und ihm ein glückliches und selbstbestimmte Zukunft ermöglichen möchte? Ich betrachte mich nicht als Opfer meines Sohnes oder der Umstände, sondern als seine Mutter. Eine Mutter, die sich mit Themen beschäftigt, um die sich viele andere Mütter und Väter, keine Gedanken machen müssen. Das ist Fakt!

 

Gleichaltrige junge Männer wie mein Sohn, werden jetzt flügge. Haben ihren Führerschein in der Tasche, sind vielleicht zum ersten Mal so richtig in ihrem Leben verliebt, stehen am Anfang ihrer Ausbildung oder Studiums und finden im besten Fall ihren Platz in unserer Gesellschaft. Einen Weg, den ich mir für meinen Sohn mit all meinem Sein erträumte, als ich mit ihm schwanger war.


Justin fotografiert von Harald Peter Fotografie
Justin fotografiert von Harald Peter Fotografie

Wenn man ein Kind zur Welt bringt, ändert sich grundsätzliches im Leben aller Eltern. Es ist sicherlich auch richtig, dass mein Leben auf Grund der Geburt meines schwer mehrfachbehinderten Kindes, viele meiner Zukunftsträume und Vorstellungen mit einem Schlag zunichte machten. Aber bin ich auf Grund dessen ein Opfer? Meiner Meinung nach: NEIN!

Wenn ich mich als Opfer sehen würde, wäre ich Handlungsunfähig. Und das bin ich nicht. Ich habe das große Glück aus all dem, was meinen Sohn und mich ausmacht, das Beste herausholen zu können. Auch wenn ich viele meiner Träume nicht ausleben konnte und uns unseren Platz in der Gesellschaft, stellenweise schwer erkämpfen musste.

 

Besteht die Kunst des Lebens nicht genau darin, aus dem was einem gegeben wurde, das Beste zu machen? Annehmen, was für andere kaum vorstellbar zu sein scheint?

 

Meine Träume, die nicht gelebt werden konnten, habe ich losgelassen und mir stattdessen eine Zukunft aufgebaut, die heute unsere Gegenwart beinhaltet. Auch mit und nach meiner Krebserkrankung. Es haben sich neue Träume entwickelt oder sie haben sich im Laufe der Zeit verändert. Wenn ich mich heute auf so manchen meiner Träume als Mädchen oder junge Frau zurückbesinne, blicke ich zärtlich auf sie zurück. Ohne Wehmut. Auch das ich im Laufe der Jahre keinen Lebenspartner gefunden habe, löst mittlerweile keine Trauer mehr aus. Das war bis vor einigen Jahren noch anders. Wie ich das Heute sehe? Es ist halt einfach so. Ist das ein Opfer? Für mich nicht...

 

Die Behinderung meines Sohnes, ist ein einschneidendes und prägendes Thema in meinem Leben. Gar keine Frage. Dennoch habe ich Justin auf Grund dessen, nie weniger geliebt. Das Wichtigste für mich war von Beginn an unseres gemeinsamen Weges, Justin als den Menschen anzunehmen, der er ist. Ohne Wenn und Aber! Und ihn dort abzuholen, wo er gerade stand und ihm das zu Geben, was er benötigte, um sich nach seinen Fähigkeiten zu entwickeln.

 

Für mich ist nicht mein Sohn das Problem in meinem Leben, sondern das Bild, welches sich eine leistungsorientierte Gesellschaft über Menschen mit einer Behinderung erlauben. Und Justin als schwer mehrfachbehinderter Mensch, der weder lesen, noch schreiben oder sich klar artikulieren kann, zudem mit einer schweren geistigen Behinderung und keinen erkennbaren Beitrag für unsere Gesellschaft leisten kann, wäre diesem Bild ohne Unterstützung hilflos ausgeliefert.

 

Es hat nicht wenige Menschen in meinem Leben gegeben, die sich anmaßten mich zu fragen, ob es denn nicht besser gewesen sei, wenn ich mein Kind vor der Geburt abgetrieben hätte? Oder ob es nicht zu meinem Besten sei, es so früh als möglich in einem Heim unterzubringen? Ich würde mich völlig unnötig aufopfern! Wie ich dieses Kind nur lieben könne? Früher hätte man so was vergast oder direkt nach der Geburt erstickt...

 

Worte können Wunden schlagen. Seelenwunden, die tief sitzen. Und dennoch entfachten sie in mir nochmal so sehr den Mut und Willen: Nicht mit mir! Denn das was ich für meinen Sohn empfinde und ihm ermögliche, hat seinen Ursprung aus dem allertiefsten Sein meines Wesens: Ich liebe meinen Sohn! Völlig ungeachtet dessen, was ein Teil unserer Gesellschaft in meinem Sohn sieht. Justin gibt auf seine Art, seinem Umfeld und seinen Herzensmenschen, aufrichtige Freude und Liebe mit auf ihren Weg. Er ist ein zufriedener und glücklicher junger Mann, dessen Wünsche und Träume, unterstützt werden sollten. Nur das zählt...

 

Für mehr Akzeptanz und Toleranz und weniger Bürokratie. Für einen Platz mitten unter uns und nicht ausgestoßen aus unserer Gesellschaft...


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