mandy

Es war der 15. Dezember 2017. Der Geburtstag meines Mannes. Wir waren mit den Kindern frühstücken gewesen. Danach wollten wir „noch kurz den Mammographietermin abhaken“. Die Ärztin schickte uns danach gleich zurück zu meiner Frauenärztin, die mit uns den Befund besprechen sollte.

Da saßen wir also zu fünft bei meiner Frauenärztin, die uns mit Tränen in den Augen mitteilte, dass es sich höchstwahrscheinlich um Krebs handeln würde und uns in die Arme fiel.

„Höchstwahrscheinlich“ hieß für mich, dass auch andere Möglichkeiten denkbar wären. Daran versuchte ich mich festzuhalten. Außerdem hatte die Frauenärztin mir mehrere Wochen zuvor versichert, dass es sich bei dem Knoten in der Brust ganz sicher um nichts Beunruhigendes handeln würde.

 

Kurz vor Weihnachten kam dann die Gewissheit: Es ist Brustkrebs. Besonders schnell wachsend. Besonders aggressiv. Mehrere befallene Lymphknoten.

 

Anstatt wie geplant am 27. Dezember in den ersten Familienurlaub überhaupt zu starten, wurde ich am selben Tag stationär im Krankenhaus aufgenommen. Hineinkatapultiert in ein ganz anderes Leben. Ohne Chance darauf, dass die Psyche Zeit hat, um zu verstehen, was da mit ihr passiert. Mit einem bis dato quasi vollgestilltem Baby und zwei kleinen Kindern daheim. Und lauter Fragezeichen im Kopf.

 

Ich habe Gesundheit nie als selbstverständlich wahrgenommen. Ich lebe mit meinem Mann und meinen drei Kindern in einer relativ kleinen Etagenwohnung. Ich war zufrieden und habe immer gedacht „Hauptsache wir sind alle gesund“. Life is a bitch...

 

Wie geht man damit um, wenn einem das Leben auf die Frage nach dem Warum keine Antwort liefert?

 

Ich glaube, man braucht viel Mitgefühl mit sich selber. Mitgefühl dafür, dass es ok ist, wenn die ganze Gefühlspallette durchlebt werden möchte: Wahnsinnige Trauer, erschreckende Resignation, heftige Wut, vorsichtige Hoffnung. So viele Gefühle, die auch parallel zueinander auftauchen. Und alle haben sie ihre Berechtigung da zu sein.

 

Ich habe mittlerweile viele Krebspatienten kennengelernt. Und jeder Jeck ist anders. Optimistisch. Pessimistisch. Zerbrochen. Zynisch. Humorvoll. Oder alles zusammen. Mir persönlich ist es wichtig, nicht verbittert zu werden. Nein, es ist nicht fair. Und ja, ich könnte mich 24 Stunden am Tag in die Ecke setzen und weinen. Und ich hätte auch allen Grund dazu. Aber es würde die Situation kein Stück ändern. Also mache ich es nicht. Meine Lebenszeit wird die gleiche sein. Egal, ob ich sie lachend oder weinend verbringe. Aber auch das Weinen gehört dazu. Es gibt keinen Schalter in meinem Kopf, den ich auf „immer positiv denken“ umschalten kann. Und das würde ich auch für naiv halten.

 

Ich beziehe einen negativen Ausgang in meine Gedanken mit ein:

 

Vielleicht überlebe ich den Krebs nicht. Die Wahrscheinlichkeit dafür liegt zumindest in einem solchen Bereich, dass ich sie nicht einfach wegwischend beiseiteschieben kann oder möchte. Ich mache mir deswegen Gedanken darüber, was von mir bleibt, wenn ich von dieser Welt gehen sollte. Und ich glaube da ist ganz viel. Ich bin mit meinen persönlichen Überlegungen, was nach dem Tod kommt, noch lange nicht am Ende. Aber ich glaube, dass Liebe eine Kraft ist, die stärker ist als der Tod. Weil Liebe nicht sterben kann. Man hinterlässt Spuren überall dort, wo man geliebt hat und geliebt wurde. Dadurch, dass ich auf dieser Welt bin, ist die Welt eine komplett andere, als sie ohne mich wäre. Der Schmetterlingseffekt der Chaostheorie.

 

Es ist für mich schwierig, wenn Leute sagen „Du musst immer kämpfen“. Weil es eben kein „Wer am meisten kämpft, der überlebt“-Spiel ist. Und weil auch der Umkehrschluss nicht funktioniert: Diejenigen, die gestorben sind, haben nämlich keineswegs zu wenig gekämpft. Es liegt einfach nicht in der eigenen Macht.

 

Das ist auch ein zentraler Punkt: Das Gefühl der Machtlosigkeit.

 

Bei all meinen bisherigen Problemen, die ich in meinem Leben hatte, hatte ich Handlungsspielraum. Ich konnte durch eigene Aktivitäten meine Probleme beeinflussen. Jetzt ist da ganz viel Ohnmacht. Da ist nämlich kein Karma-Konto, auf das ich einzahle und wo am Ende jeder das bekommt, was er verdient. Das Leben ist nicht fair. Und diese Erkenntnis schmerzt.

 

Schwierig ist es auch, wenn Leute sich gar nicht mehr melden. Und auch davon gibt es welche. Vielleicht wissen sie nicht wie sie mit der Situation umgehen sollen oder welches die richtigen Worte sind (gar keine Worte sind übrigens die falschen!). Vielleicht scheuen sie sich davor, sich mit Krankheitsthemen zu beschäftigen. Vielleicht war die Freundschaft aber auch schon vorher fragil.

 

Aber es ist auch viel Neues in mein Leben getreten:

 

Neue Freunde. Neue Prioritäten. Sogar ein neues Körpergefühl. Ich habe nämlich festgestellt, dass mein Gefühl der Weiblichkeit keineswegs an äußere Körpermerkmale gebunden ist, und dass ich mich ohne Brüste und Haare nicht weniger weiblich fühle als vorher. Der Verlust meiner Brüste ist übrigens der Verlust, der am wenigsten weh tut. Die Hoffnungen und die Pläne, die ich aufgrund der Erkrankung aufgeben musste, tun wesentlich mehr weh.

 

Ich versuche mich auf die Dinge zu konzentrieren, die wirklich wichtig sind. Die kleinen Dinge, die am Ende nämlich gar nicht klein sind, sondern zusammengenommen das Leben darstellen. Wie etwa mein jüngster Sohn, der heute sein erstes Wort sprach. Es war „Blume“ (bei meinem Mittleren war es übrigens „Stein“. Und ja, wir als Eltern fanden die Prioritätensetzung bei der Wortwahl auch merkwürdig ;)



Es ist mir bewusster geworden, dass ich es niemandem recht machen muss außer mir selber. Es wird immer Leute geben, die von außen ein Urteil über einen fällen. Leben muss ich mein Leben letztendlich so, dass ich guten Gewissens in den Spiegel schauen kann und das Beste aus dem mache, was das Schicksal mir vor die Füße wirft. Und ich finde, das gelingt mir bis dato recht gut. Andere Probleme, die vor der Krebserkrankung da waren, sind natürlich immer noch da. Probleme mit den Nachbarn, mit Beziehungen, mit Freundschaften, mit der Arbeit,… aber gegenüber dem Krebs kackt alles erstmal ab bzw. musste zurückstecken. Es wird die Zeit kommen, in der die Alltagsprobleme wieder präsenter werden. Darauf freue ich mich.

 

Ich wünsche mir für mich, dass das Vertrauen ins Leben, welches im letzten halben Jahr bis ins Mark erschüttert worden ist, langsam wieder wachsen darf. Dass ich morgens aufwache und nicht das Krankheitsthema in meinem Kopf präsent ist. Und dass mein Terminkalender nicht von Arztterminen dominiert wird. Ich habe während des letzten halben Jahres meine eigenen Stärken besser kennengelernt. Und ich habe gelernt, dass auch Schwäche eine Stärke sein kann.

 

Eine liebe Bekannte von mir schrieb mir vor kurzem, sie fühlte sich nach der Krebserkrankung wie eine destillierte Version ihres Selbst. Mehr sie. Weniger Schnörkel. Weniger Schnickschnack. Ich fand das schön.


Mandy schreibt als mandyfal auf Instagram über ihre Geschichte. Schaut doch mal bei ihr vorbei und schenkt ihr eure Unterstützung...


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Kommentare: 5
  • #1

    Falko (Montag, 11 Juni 2018 22:12)

    wunderschön geschrieben dieses beschissene Thema
    ich wünsche Dir und mir ein Happy End für Deine Geschichte ...

  • #2

    Esther (Dienstag, 12 Juni 2018 12:35)

    Liebe Mandy,
    Dein Bericht, Deine Worte gehen mir sehr nah. Sie sind so ehrlich, so nachvollziehbar, so klar, so erschütternd in der Wucht, die in ihrer Einfachheit steckt.
    Werde gesund und fasse wieder Fuß, das wünsche ich von Herzen.
    Wie sagt Snoopy so treffend?
    Wir alle müssen eines Tages sterben, aber an den anderen Tagen leben wir.

    Sei lieb gegrüßt!

  • #3

    Monica (Dienstag, 12 Juni 2018 19:24)

    Liebe Mandy,

    ich habe gerade versucht, bei instagram was zu schreiben und bin gnadenlos gescheitert. Nicht meine Welt, ich als alter Facebooker ;)
    Auf jeden Fall wollte ich dir alles Gute wünschen, und ich kann dir sagen, dieses widerliche Gefühl legt sich. Ganz langsam, sehr schleichend. Eines Tages, wenn man mit der Akutbehandlung durch ist, kehrt gaaaaanz langsam der Alltag wieder ein. Ich habe es nie geglaubt. Alles drehte sich um den Krebs. Aber ich lasse ihm nicht mehr viel Raum. Wenn er wiederkommt, werde ich wieder kämpfen. Und sonst genieße ich jeden Tag, an dem mich meine Kinder (5 und fast 2 Jahre, er kam einen Tag nach der Diagnose...) in den halben Wahnsinn treiben :-D

    Alles, alles Liebe von Braunschweig nach Braunschweig!
    Ex-Chemonica

  • #4

    M.D. (Freitag, 22 Juni 2018 21:14)

    So viel Lebendigkeit, so viel Authentizität, so starker Lebenswille, so ein großes Herz voller Liebe ........... Das geht nicht verloren. Ich bin berührt und wünsche von ganzem Herzen weiter prall gefüllte und gefühlte Lebenszeit.
    Marlene D.

  • #5

    Conny (Mittwoch, 25 Juli 2018 12:25)

    Liebe Mandy,
    sehr berührende Worte, die alles beschreiben, wie es mir vor 20 Jahren ging.
    Gehe Deinen Weg - aufrichtig, stark, gefühlvoll, weinend, lachend, hoffnungsvoll - alles ist richtig und darf sein!
    Ich wünsche Dir viel Kraft, Mut und Zuversicht.
    Eine feste Umarmung, Conny