Kerstin

Final destination – wenn ich meinem Leben einen Filmtitel verleihen müsste, dann wäre es dieser. Ich war es gewohnt, dass das Leben nicht fair ist und um ehrlich zu sein, hat mich die Diagnose Krebs zwar im Mark erschüttert, aber nicht wirklich geschockt, denn es war klar, wenn es eine aus meinem Freundeskreis irgendwann mal erwischt, dann mich.

 

Und nein, ich bin kein negativer Mensch, ganz im Gegenteil, ich glaube, wenn ich einer wäre, dann hätte ich schon mehr als einmal ins Gras gebissen oder die Flinte freiwillig ins Korn geworfen. Aber ja, ich hab es satt, jedes Mal die Arschkarte zu ziehen, den Senfkreppel an Fasching zu erwischen, den dicksten Rucksack tragen zu müssen und generell immer nur zwischen Not und Elend auswählen zu dürfen. Manchmal glaube ich, das Schicksal hockt da und denkt sich „Mist, die lebt ja immer noch, diesmal muss ich mir was richtig Fieses ausdenken, versuchen wir’s mal mit Krebs, vielleicht geht sie daran zugrunde…“

 

Und so kam es, dass ich letztes Jahr an meinem 37.Geburtstag ein ganz besonderes „Geschenk“ bekam. Am 5.9.17 hatte ich beim Duschen einen kleinen Knubbel in der linken Brust festgestellt. Einen Tag später gab man mir beim Frauenarzt Entwarnung – ein harmloses Fibroadenom, evtl. auch eine Zyste oder eine verkapselte Milchdrüse (ich hatte 2 Monate vorher abgestillt). Als das Ding über ein halbes Jahr später knapp 2 cm groß war und ich darauf drängte, dass ich es bitte rausoperiert haben möchte, entpuppte sich das Ganze am 9.5.18 (ich hasse seitdem die Zahlen 5 und 9!) als Triple Negatives Mammakarzinom. Als wäre die Diagnose Brustkrebs nicht schon negativ genug, nein zu erfahren dass man negative Scheiße Hoch3 hat, macht es nicht besser. Nicht, dass ein Hormonrezeptor positiver Krebs besser wäre, wahrlich nicht, aber zumindest hört sich positiv im ersten Moment besser an als negativ.

 

Das Einzige, an das ich mich heute noch erinnern kann, waren die Worte „hochaggressiv“, „Hochrisikopatient“, „hohe Rezidivrate“, „metastasierfreudig“, „80% aller Brustkrebsarten sind gut heilbar, dieser gehört nicht dazu“, „schlechteste Prognose von allen“, „es kommt eine schwierige Zeit auf Sie zu“, „regeln Sie Ihre Angelegenheiten“ – mein Mann beteuert heute noch, dass nur ICH es so negativ aufgefasst habe und diese Aussagen aus dem Kontext gerissen waren und er es völlig anders verstanden hatte. Das mag sein, aber das war leider alles, was bei mir ankam, dazwischen völlige Benommenheit, Übelkeit und Ohrensausen.

 

Die nächsten Wochen waren die Hölle, ich kann oder besser will mich an dieser Stelle eigentlich überhaupt nicht mehr daran erinnern, denn für mich war klar – ich werde sterben und zwar nicht irgendwann, sondern bald. Ich hatte mich nicht einmal mehr getraut, mit meinem Sohn alleine einkaufen zu gehen, zu groß war die Angst, dass ich einfach tot umfalle und mein kleiner Schatz alleine dasteht. Bei allem dachte ich mir „brauchst du das eigentlich noch, jetzt wo du eh stirbst?!“

 

Ich bin heute noch dankbar, dass sich Frau G. aus dem Brustzentrum im Klinikum alle Mühe gab, mir zu versichern, dass alles getan wird, um mir zu helfen und so ein aggressiver Krebs auch den Vorteil hat, dass er sehr teilungsfreudig ist und somit sehr gut auf die Chemotherapie ansprechen kann. UND, dass heute und morgen NICHT gestorben wird. Natürlich hätte ich mir gewünscht, sie hätte gesagt, dass jetzt zwar eine Scheißzeit auf mich zu kommt, aber am Ende alles gut wird. Aber sie ist Ärztin, keine Hellseherin und erst Recht nicht Gott.

 

Das Staging ergab glücklicherweise, dass weder Metastasen in den Organen, noch in den Knochen vorlagen, außer 2 suspekte Achsellymphknoten. Ich sollte eine neoadjuvante Chemotherapie bekommen, parallel einen Gentest machen, danach operiert werden und anschließend noch Bestrahlungen bekommen – das volle Programm dachte ich damals.

 

Am 5.9.18 (wieder mein Geburtstag) sollte sich allerdings herausstellen, dass das volle Programm noch getoppt werden kann! Arschkarte Deluxe hab ich es genannt, denn an diesem Tag erfuhr ich, dass ich Trägerin des BRCA1 Gens bin (besser bekannt als das Angelina Jolie Gen). Mein volles Programm bestand somit nicht mehr nur aus Chemo, OP und Bestrahlung, sondern als Sahnehäubchen obendrein aus beidseitiger Mastektomie mit anschließender Rekonstruktion sowie Entfernung der Eierstöcke und Eileiter.

 

Da stand ich nun nach Beendigung meiner Chemo, ohne Haare, ohne Augenbrauen, ohne Wimpern und bald auch ohne Möpse und Eierstöcke. Alles was mich äußerlich als Frau auszeichnete, einfach weg! Und viel schlimmer noch als das, mein Selbstwertgefühl und mein Lebensmut waren dahin – und das war es, was mich als PERSON ausmachte.

Life is a bitch, schon klar, aber man fragt sich schon, was man verbrochen hat, dass es immer und immer wieder die gleichen Leute trifft. Was läuft denn da bitte im Verteilerzentrum schief?! Sitzen da nur Vollpfosten, die den ganzen lieben langen Tag immer nur die copy/paste Taste drücken?!

 

Wie heißt es so schön, wenn du ganz unten bist, dann gibt es nur noch einen Weg und der heißt bergauf. Du hast immer eine Wahl, liegen bleiben, oder aufstehen! Meine Devise lautet, immer einmal mehr aufstehen, als hinfallen oder wie meine Freundin Verena an dieser Stelle immer zu sagen pflegte, wenn ich mal wieder down war „Los steh auf, der Tag versaut sich nicht von alleine“. Und wenn ich hier schon am Zitieren bin, dann möchte ich nicht missen noch die Bestsellerautorin Nicole Staudinger zu erwähnen, von der folgender Satz stammt: „Niemand kann sich den Rucksack, den der Weg des Lebens bereithält, aussuchen, doch auf die Haltung und das passende Schuhwerk können wir Einfluss nehmen.“

 

Und passendes Schuhwerk hat Frau immer! Dabei macht es keinen Unterschied, ob man seinem Krebs in rosa Glitzerpumps in den Arsch tritt oder in Wanderschuhen – Hauptsache es tut ihm richtig weh! Mein Schicksal hatte ab der Diagnose BRCA1 Mutation ein Gesicht, soll heißen, ab jetzt hatte ich das erste Mal das Gefühl, aktiv etwas tun zu können. Wenn also mein gefrässiger Krebs den Hals nicht voll genug kriegt, dann soll er doch bitte meine Brüste und Eierstöcke haben und elendig daran ersticken. An diesem Tag, meinem 38. Geburtstag erwachte die Kämpferin in mir. Und heute weiß ich:


Kämpfen macht so viel mehr Spaß als jammern!


Ich kann mich daran erinnern, dass ich eines Nachts von meiner eigenen Beerdigung geträumt habe und von oben in all die traurigen Gesichter meiner Familienmitglieder, Verwandten und Freunde schaute. Ich weiß, dass ich im Traum total berührt war, wie viele Leute Anteil nahmen auf meinem letzen Weg. Und soll ich euch was sagen, ich bin aufgewacht und mein erster Gedanke war nicht „oh Gott wie schrecklich“, sondern „ich kann nicht sterben, unser Friedhof hat überhaupt nicht genügend Parkplätze für all die Trauergäste“.

 

Es hat einige Zeit gedauert, aber ich habe einen Weg gefunden, dem furchteinflösenden Krebs die Maske vom Gesicht zu ziehen und ihm den Schrecken zu nehmen, denn hinter der „todbringenden“ Maske (in meiner Vorstellung hat Krebs immer diese ätzende Scream-Maske auf) steckt einfach nur eine Krankheit. So wie Grippe. An der kann man auch sterben, muss man aber nicht. Oder ein Wespenstich, der kann für Allergiker auch tödlich enden, genauso wie Blinddarm. An sich harmlos, aber wenn er durchbricht, auch kein Spaß.


Und so ist Krebs. Er ist und bleibt ein Arschloch und ist für rein gar nichts gut.


ABER, etwas Positives hat er doch, denn durch den Krebs hab ich so viele tolle Menschen kennengelernt, erfahren, dass man selbst während der Chemo sauviel Lachen und Spaß haben kann, dass einem Kaffee und Kuchen noch schmeckt, obwohl parallel Paclitaxel und Carboplatin durch den Körper rinnt, man eine Chemo durchaus dank guter Medikamente weitestgehend nebenwirkungsarm durchlaufen kann, dass man 1 Tag nach der Chemo erhobenen Hauptes durch den Wald walken kann,

dass rekonstruierte Brüste nach einer Mastektomie sogar besser aussehen können als vorher, dass Familie und Freunde die beste Medizin sind, dein Kind dich IMMER schön findet, egal ob du Haare hast oder nicht, dass mir eine Kurzhaarfrisur sogar ganz gut steht, dass eine Glatze im Sommer auch Vorteile bringt, dass das Leben trotz Krebs lebenswert ist,das Lied „Sowieso“ von Mark Forster selbst auf dem Weg zur Mastektomie noch für gute Stimmung sorgen kann und dass man trotz schlechter Prognose eine pathologische Komplettremission erzielen kann.


Ich bin mir wohl bewusst, dass das Ganze auch schlecht für mich ausgehen kann, dass es weiterhin Tage gibt, an denen man sich die Decke über den Kopf ziehen und einfach nur heulen will, dass nicht jeder, der kämpft automatisch gewinnt, aber eines hab ich mir geschworen, mein Kind wird niemals sagen müssen, seine Mutter hat nicht alles in Ihrer Macht stehende getan, um zu überleben.

 

Ach ja, noch etwas: Prognosen sind für’n Arsch, denn für jeden von uns stehen die Chancen doch immer 50%/50%. Entweder man gewinnt, oder man verliert! Und das gilt für uns Krebskranke genauso wie für Gesunde!


In diesem Sinne – Fuck you Cancer!


Und Danke, Nicole, für deine tolle Seite, die mir so oft Rettungsanker war und immer noch ist und tausend Dank euch tapferen Frauen für eure Lebensgeschichten! Obwohl ich euch alle nicht kenne und ihr alle euren individuellen Leidensweg gehen musstet, erscheint ihr mir und eure Geschichten so unfassbar vertraut!

 

Und zu guter Letzt:


Danke an meine großartige Familie und Freunde, ohne die ich all das hier nicht auf mich genommen hätte!


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