Verlorenes Kind

Manchmal erlebe ich aus dem Nichts heraus, Flashbacks, die mich innehalten lassen und in Momente meines Lebens zurückversetzen, die doch scheinbar vergangen und abgeschlossen sind. So gibt es Situationen in meinem Leben, die ich versuche zu vermeiden oder im Gegensatz ganz bewusst ausführe, um meinem inneren Kind Gelassenheit zu schenken.

Meine Kindheit ist von Ambivalenz und Gewalt geprägt, sowie von Wegschauen und Hilflosigkeit. Als Kind war ich extrem schüchtern und sehr introvertiert, mit jähzornigen Anwandlungen. Nicht selten habe ich zu hören bekommen, dass ich in meiner Art und Weise meinem Vater sehr ähnlich wäre. In diesen Momenten fühlte ich mich als Kind meiner Mutter immer sehr unwürdig und alles andere als liebenswert. Unzählige Male hat man mir zu verstehen gegeben, dass ich "anders" als unsere Familie sei. Empfindlich und sensibel, von Weltschmerz geplagt. Eben eine im Sternzeichen Fische geborene. Heute weiß ich, dass mein Anderssein den Namen Hochsensibiliät trägt.

 

Als Kind stand ich lieber im Hintergrund und habe das Geschehen um mich herum beobachtet. Auf der einen Seite wollte ich dazugehören und wusste doch nicht, wie ich dies umsetzen oder Gruppendynamik aushalten sollte. Ich habe Menschen in Situationen erlebt, die ein Kind nicht sehen sollte. Ich wollte die Welt und die Menschen in ihr verstehen, die auf der einen Seite Worte sprachen, die aber mit ihren Schwingungen und Handlungen in keinster Weise in Einklang standen.

 

Zur Hölle wurde meine Kindheit, als mein Stiefvater in unser Familienleben trat. Damals war ich etwa acht Jahre alt und das älteste von vier Kindern. Anfangs fühlte sich die Konstellation mit einer Vaterfigur neu und hoffnungsvoll an. Ich wollte wie andere Kind auch, behütet und mich geliebt fühlen und alles richtig machen. Ungefähr zu dieser Zeit wurde ich sehr krank und sprang dem Tod nicht zum ersten Mal in meinem Leben von der Schippe. Ich lag etliche Monate in einer ortsansässigen Klinik und wurde mir mit neun Jahren bewusst, dass mein Leben endlich ist und machte mir in meinem Krankenhausbett liegend Gedanken über den Sinn des Lebens. Ich suchte Trost in der Vorstellung, WENN es einen nächtlichen Himmel mit unendlich vielen Sternen gibt, dass das Sterben dann nicht so schlimm sein kann, weil das Weltall keine Endlichkeit kennt und ich als winziges Atom noch immer Teil des großen Ganzen bin, auch wenn ich nicht mehr bin.

 

Als ich wieder aus der Klinik zuhause war, begann unsere neue Familienstruktur zusehends zu bröckeln. Ich bekam dabei immer mehr von den inneren Beziehungsmachtspielen der beiden Erwachsenen zu sehen und zu spüren, die unser Familienleben in den kommenden Jahren entscheidend prägen und unfassbar viel Kummer verursachen sollten. Wir Geschwister sind jedes auf seine eigene Art und Weise damit umgegangen. Nachhaltig geprägt sind wir alle.

 

Zuhause sein, fühlte sich in den kommenden Jahren für mich zunehmend wund und innerlich zerrissen an. Von außen haben manche unsere Hilferufe gesehen, sahen sich aber außerstande, uns zu helfen. Und meist hieß es zur Rechtfertigung meines Verhaltens, ich sei halt mal wieder besonders schwierig. Ich weiß nur zu gut wie es sich anfühlt, für den nichtigsten Anlass geprügelt zu werden. Und immer trug scheinbar ich die Verantwortung für Prügel und übergriffiges Verhalten, weil ich mich an aufgestellte Regeln nicht gehalten hatte, ich meinen Pflichten nicht gewissenhaft genug nachkam, meine Strickjacke nicht richtig saß, weil ich meinen Stiefvater zu oft in Frage stellte oder er sich von mir provoziert fühlte. Für all das was mein Stiefvater mir, meinen Geschwistern und unserer Mutter in unterschiedlichstem Ausmaß antat, verachtete ich ihn zutiefst. Viel schlimmer als die Schläge jedoch war das Gefühl, scheinbar nicht klug und nicht gut genug zu sein. Mit diesem Wissen bin ich erwachsen geworden. Ich habe Jahre gebraucht, mich von diesem innerlichen Kleinhalten frei zu machen.

 

Die bedingungslose Liebe zu meinem Sohn, für den ich alles andere als eine perfekte Mutter bin, hat mir dabei geholfen. Ich habe mich groß gemacht, um stark für ihn zu sein. Meinem Kind wollte ich ein geborgenes und sicheres Zuhause ermöglichen, anders als ich es erlebt hatte, ohne wenn und aber.

 

Mir ist bewußt, dass mein Leben von drei Menschen geprägt wurde, die selbst alles andere als eine liebenswerte Kindheit erlebten und schlimmes und schlimmstes in ihr und mit sich als jeweiliges Paar erlebten. Gewalt in Familien, in welcher Ausführung auch immer, kann über Generationen eine Gewaltspirale fortsetzen und ihnen einen unsäglichen Stempel aufdrücken. Über Gewalt und Missbrauch in der Familie und Familiengeschehen, spricht man nicht. Es ist ein anderes Tabuthema als wie Krebs oder mit einer schweren Behinderung zu leben. Familienfeste sind für mich bis heute kaum aushaltbare Begegnungen, weil ich mich so unendlich fremd in ihr fühle. Sich fernhalten von meinen Eltern mag augenscheinlich keine Lösung sein, vor allem, weil mein Fernbleiben ja auch wieder neue Verletzungen auslöst. Aber wie alles im Leben, zieht so manches Erlebnis seine Schlussfolgerungen nach sich.


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