Wie man mit Kindern offen und ehrlich über Krebs in der Familie redet

Foto Andreas Reeg
Foto Andreas Reeg

Ich bin Justin und wurde mit einer schweren Mehrfachbehinderung (ICP, Tetraspastik, frühkindlicher Autist, schwere Sprachbehinderung und manches mehr) geboren. Vieles von dem was andere können, ist mir nicht möglich. Dafür sehe ich das Leben mit offenem Herzen und erfreue mich an vielen besonderen Momenten. Meine Mama und ich leben allein und haben über die Jahre hinweg zusammen viele Hürden gemeistert.

 

Ich war dreizehn als meine Mama mich ganz fest in ihre Arme nahm und mir mitteilte, dass sie sehr krank ist.

 

Anfangs hatte ich große Angst vor all dem Unbekannten, dass nun auf uns einstürmte. Denn durch ihre Brustkrebserkrankung, schien nichts mehr sicher zu sein. Aber meine Mama versuchte mich bestmöglich zu beschützen. So sprach sie von Beginn an offen mit meinen Lehrern, Therapeuten und unserem Umfeld und holte sich für mich die Unterstützung, auf die ich in den kommenden Monaten so dringend angewiesen sein würde. So umsorgten mich immer vertraute Menschen, wenn meiner Mama dies nicht möglich war, weil sie zum Beispiel eine Chemotherapie erhielt oder ein weiteres Mal in eine Klinik musste.

 

Sie erklärte mir auf eine sehr kindgerechte Art und Weise, alle anfallenden Behandlungsschritte. So war ich zum Beispiel sehr neugierig und konnte es kaum erwarten, sie zum ersten Mal ohne ihre langen Haare zu sehen. Und soll ich euch was sagen? Meine Mama war auch ohne ihre Haare wunderschön.

 

Unter ihrer Haut am Schlüsselbein hatte meine Mama nun einen Knopf, durch den die Medizin hineinlief, die sie wieder gesund machen sollte. Der Knopf störte ein wenig beim Kuscheln, aber ansonsten war er ganz in Ordnung. Wenn meine Mama für mehrere Tage in eine Klinik musste, fühlte ich mich dort sehr unwohl und meine Mama bestand nicht darauf, dass ich sie besuchte. Das erleichterte mich sehr. Ich war dafür umso glücklicher, wenn sie endlich wieder nach Hause durfte.

 

Meine Mama machte mir viel Mut und immer wenn es ihr möglich war, unternahmen wir Ausflüge und füllten unsere emotionale Schatzkiste auf. Gemeinsam haben wir damals trotz allem viele schöne und innige Momente erlebt, manchmal aber auch zusammen geweint, uns gegenseitig getröstet und ganz viel gekuschelt. Ich weiß, dass meine Mama sehr stolz auf mich ist, wie ich diese Zeit verkraftet habe und auch an ihr gewachsen bin.

 

Manches Mal hätte sie sich für mich gewünscht, dass ich über meine Sorgen mit jemandem hätte reden können. Das war auf Grund meiner Behinderungen einfach nicht möglich. Dennoch haben alle Verantwortlichen auf mich geachtet und konnten dadurch sensibilisiert auf mich eingehen. Kinder haben die unterschiedlichsten Bedürfnisse. Manche sind noch sehr klein, andere besuchen bereits die Schule oder stehen an der Schwelle zum Erwachsenensein, wenn ein Elternteil die Diagnose Krebs erfährt. Meistens spüren wir intuitiv, wenn Erwachsene sich große Sorgen machen und mit uns nicht darüber sprechen. Das schürt oft unnötige Ängste und Schuldgefühle. Meine Mama sagt immer: Redet mit euren Kindern und bezieht sie altersgerecht und individuell ein! Und bei Bedarf nutzt für euch und eure Kinder Unterstützungsangebote.

 

Alles Liebe für euch

Euer Justin


5 Tipps von meiner Mama
  • Ehrlich sein
    Wenn Eltern an Krebs erkranken, ist die ganze Familie betroffen. Was wir unseren Kindern an dieser Stelle mit auf den Weg geben sollten, ist eine ehrliche Kommunikation.
  • Kindgerechte Antworten finden
    Sie benötigen von uns zeitnah zur Diagnose altersgemäße Informationen und Antworten, da sie Veränderungen meist intuitiv erfassen. Wenn wir unseren Kindern dabei vermitteln können, mit der neuen Lebenssituation gut zurechtzukommen, gelingt auch ihnen dies sichtlich besser.
  • Kindern Freiräume gebe
    Zudem sollten wir unseren Kindern ihre eigenen Bedürfnisse zugestehen. Auch ihre emotionale Welt steht Kopf und sie reagieren bisweilen in manchen Situationen entweder sehr angepasst, traurig oder wütend. Wir sollten ihnen Freiräume zugestehen und ihnen nicht mehr Verantwortung übertragen, als sie tragen können oder sollten.
  • Stabilität und Rückhalt bieten
    Erwachsene Bezugspersonen außerhalb der Familie, wie Lehrer, Freunde und Verwandte, können unseren Kindern eine zusätzliche Stabilität und Rückhalt bieten und zudem früh auf eventuelle Verhaltensauffälligkeiten oder einem Leistungsabfall in der Schule angemessen reagieren.


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