Vjosa - Wenn Mama an Krebs erkrankt

Ich wurde gefragt, ob ich einen Gastartikel in einem Blog schreiben möchte, in dem es darum geht, meine Gedanken und Gefühle als Angehörige zu teilen. Der Blog handelt von einer Frau, die die Diagnose Brustkrebs erhalten hatte. „Aber ich bin doch gesund?“, dachte ich mir. Welche Rolle sollten denn meine Gedanken und Gefühle hier spielen? Wieso sollten sie Platz in ihrem Blog über ihre Krankheit finden? Schließlich geht es doch nicht um mich...

 

Ich erwischte mich, wie ich feststelle, dass ich diesen Gedanken schon einmal hatte. Es geht nicht um mich. Dafür ist jetzt keine Zeit. Du musst stark sein. Diese Gedanken schossen mir am 26. Juli 2018 um 6.00 Uhr morgens durch den Kopf.

 

Mama lag im Krankenhaus wegen ihrer Rückenschmerzen. Diese Rückenschmerzen zogen sich über Monate hinweg. Röntgen, MRT; alles OK, hieß es jedes Mal. Doch ein Gefühl der Erleichterung verspürte ich nie, denn mein Bauchgefühl sagte mir etwas anderes. Meine Schwester und ich waren im Urlaub, als wir mit unserem Vater telefonierten. Er teilte uns mit, Mama sei zur Abklärung im Krankenhaus. Er hatte den Satz nicht einmal beendet, da packten wir zusammen und fuhren direkt los.

 

Frühmorgens standen wir vor der Haustür. Der Himmel war blau und die Sonne schien. Doch ich hatte das Gefühl, dass eine riesige dunkle Wolke über uns schwebte. Du bildest dir das alles nur ein, du bist übermüdet, redete ich mir in der Hoffnung ein, ich würde mir selbst glauben können. Meine Schwester schien dasselbe zu denken, denn keine von uns beiden war in der Lage zu klingeln. Im selben Moment öffnete unser Vater die Tür. Ich ignorierte seine Augenringe und ging ins Wohnzimmer. Ich wollte nicht fragen, denn ich wusste, wenn er es laut aussprechen würde, kann nichts mehr rückgängig gemacht werden. Er meinte, wenn wir soweit seien, sollen wir ins Krankenhaus kommen, er würde sich jetzt auf den Weg machen.

Ich sagte ihm, dass ich erst Schlafen müsse, denn schließlich waren wir doch die ganze Nacht unterwegs gewesen und wieso er denn so früh los müsse? Ich bereute die Frage bereits in dem Moment, als ich sie gestellt hatte, denn ich wusste, dass ich die Antwort nicht hören wollte. Er sagte, Mama würde um 8.00 Uhr operiert werden. „OP?“, dachte ich mir. Ehe ich den Gedanken beendet hatte, hörte ich meine Schwester fragen: „Papa sprich, was ist los?“

Da stand er. Mein Papa. 1.90m groß. Und plötzlich wirkte er so klein und verwundbar. Seine Augen füllten sich mit Tränen und alles was er sagte war: „Mädels, wenn ihr soweit seid, kommt nach. Mama ist krank. Schwer krank."

„Krank? Schwer krank?", dachte ich und wieder, ehe ich den Satz zu Ende denken konnte, hörte ich meine Schwester sagen: „Papa sprich, was ist los?“, und wieder betete ich, dass sie das nicht gefragt hätte. „Glaube mir, wir wollen es nicht wissen!“, dachte ich.

 

„Krebs. Die Ärzte sagen Krebs! Brust, Rücken, überall!!!“

 

Ich arbeite seit 6 Jahren auf einer gynäkologischen Station mit onkologischem Schwerpunkt. Einer Sache konnte ich folgen: Brustkrebs, der in die Wirbelsäule gestreut hatte. Nicht heilbar. Diese Schlussfolgerung erschien mir aus medizinischer Sicht logisch, dass konnte mein Gehirn verarbeiten. Alles andere jedoch nicht.

 

Meine Schwester fing an zu weinen und ich ging kommentarlos zur Tür. Ich lief raus. Mein Gang wurde immer schneller. Ich musste an die frische Luft, denn ich hatte das Gefühl, dass der Kloß in meinem Hals mir die Luft zum Atmen nehmen würde. Mein Gang wurde immer schneller, so wie meine Atmung. Aus der Schnappatmung wurde ein Schluchzen und dann ein Schreien. Ich wurde von meinem eigenen Schrei in die Realität zurückgeholt und wusste, dass alles ist kein schlechter Traum. Das hier geschieht wirklich und ich fand mich vor einem Baum wieder.

 

In meiner mündlichen Abschlussprüfung zur Krankenschwester wurde ich nach den vier Sterbephasen abgefragt, die sich auch auf Lebenskrisen übertragen lassen.

 

Phase 1: Nicht wahrhaben wollen

 

„Die Befunde wurden verwechselt. Das ist alles nur ein Missverständnis, schließlich waren alle Bildaufnahmen zuvor unauffällig!“, hörte ich mich denken. Ich wollte mir selbst glauben, doch ich wusste, das Einzige, dass verkehrt läuft, ist gerade mein Leben. Ich hatte in diesem Teil der mündlichen Prüfung, als es ironischerweise in dem damaligen Fallbeispiel um eine Brustkrebspatientin ging, eine eins erhalten. Doch wie ich diese Prüfung, die mir gerade das Leben stellte, bestehen sollte, wusste ich nicht. Ich weiß nicht, wie lange ich an diesem Ort war und weinte. Ich hatte kein Zeitgefühl mehr. Meine Welt stand still. Mein nächster Gedanke war, dafür ist jetzt keine Zeit. Du kannst jetzt nicht weinen, du musst für Mama da sein. Sie braucht dich jetzt. Es geht hier nicht um dich.

 

Ich ging zurück. Mein Bruder nahm mich in den Arm. Mein kleiner Bruder. Mittlerweile ist er 25 und wie mein Vater 1.90m groß. Doch in diesem Moment, sah ich in ihm nur den kleinen Jungen, dem ich auf dem Schulweg den Schulranzen trug, weil er damals größer schien als er selbst. So wie ich ihm damals den schweren Schulranzen abgenommen hatte, wollte ich ihm heute diese Last von den Schultern nehmen. Doch ich wusste nicht wie. Ich wollte ihn vor all dem beschützen, schließlich bin ich doch seine große Schwester...

 

Wir fuhren ins Krankenhaus und als Mama in den OP gebracht wurde, begleitete ich sie bis zur Schleuse.

 

Seitdem ist nun fast ein Jahr vergangen. Die ersten Wochen erhielt ich viel Zuspruch und Unterstützungsangebote von meinem Umfeld, wie: „Ich bin für dich da!“ oder „Lass mich wissen, wenn du etwas brauchst.“. Das ebbte relativ schnell ab. Als Gesunder musst du weiter funktionieren. Der Alltag und die Welt drehen sich weiter; nur dass meine Welt immer noch still stand und heute noch ziemlich oft still steht, verstehen viele nicht.

 

Meine Mama sagt immer: „Wenn du dich satt ins Bett legst, kannst du den knurrenden Magen des anderen nicht hören.“

 

Ich glaube, so geht es meinen Mitmenschen. Sie können sich vorstellen wie schlimm es ist, doch nachvollziehen können es nur diejenigen, die es selbst am eigenen Leib erfahren haben.


Bild von Vjosas Mama gemalt
Bild von Vjosas Mama gemalt

„Wenn die Therapie anschlägt, können wir im besten Fall fünf Jahre rausholen!“

 

Ich habe keine Ahnung, was uns im ersten Arztgespräch noch mitgeteilt wurde. Ich konnte dem Arzt nicht folgen. Ich war überfordert. Schließlich ist der Oberarzt, der vor mir sitzt, mein Arbeitskollege und nun ist er der Onkologe meiner Mutter. Die medizinischen Fachbegriffe verstehe ich, doch wieso der Name meiner Mutter dort steht, werde ich wohl nie verstehen.

 

Fünf Jahre! Seitdem habe ich das Gefühl, mit einer tickenden Zeitbombe durch die Welt zu gehen. Tick tack, tick tack. Manchmal ist das Ticken so laut, dass ich alle Zeiger auf der Welt zum Stillstand bringen will, damit uns ein IMMER bleibt. Ich glaube, niemand möchte mit der Endlichkeit bewusst konfrontiert werden. Doch auch das, verstehen viele nicht.

Ich habe Sätze erhalten, wie: „Ja, aber wir müssen eben nun mal alle irgendwann sterben!“

„Vielen Dank, das war mir bisher nicht bewusst!“, denke ich mir. Ich weiß, dass das Leben so fair ist, dass der Tod uns allen gehört. Doch wenn es um einen deiner Liebsten oder dein eigenes geht, ist es auf einmal nicht mehr nur IRGENDWANN.

 

„Wie alt ist denn deine Mutter?“. „51“, antworte ich. Oft folgt ein mitleidiger Blick. Als würden sie mir damit sagen wollen: „Oh, dann ist es noch zu früh!“. Ich weiß nicht, wann der richtige Zeitpunkt ist sich von einem geliebten Menschen zu verabschieden. Ich glaube, es wird sich immer zu früh anfühlen. Ich möchte mich nicht rechtfertigen, weshalb ich sie noch sehr lange bei mir haben möchte. Ich liebe sie...

 

Wie ich auf Nicoles Blog aufmerksam wurde? In einer schlaflosen Nacht, hatte ich im Internet nach Ratschlägen recherchiert, wie man sich als Angehöriger gegenüber Erkrankten am besten verhält. Denn oft wusste ich nicht, was richtig ist. Was darf ich fragen? Wie kann ich helfen? Was sollte ich am besten meiden?

Dann stieß ich auf ihren Blog. Es waren so viele wertvolle Tipps dabei. Ich notierte sie. Nahm sie mir zu Herzen und setzte sie um. Ich bin heute noch sehr dankbar für diesen Eintrag und für all die Einträge von Menschen, die an Krebs erkrankt sind und mittlerweile auf Social Media vertreten sind. Ich bewundere ihre Stärke und vor allem ihre Ehrlichkeit mit Krebs umzugehen, denn ja, Krebs ist weiter ein Tabuthema. Nicht was die Aufklärungsarbeit und die Früherkennungsmöglichkeiten betrifft. Doch es wird nur darüber gesprochen, solange es hypothetisch ist. Alles was die Theorie betrifft, scheint herzlich Willkommen. Mit der Praxis hingegen möchte sich niemand auseinandersetzen. Vielleicht erreicht dieser Eintrag den ein oder anderen Angehörigen und lässt ihn wissen, er ist nicht allein mit seinen Ängsten. Das es in Ordnung ist, damit überfordert zu sein. Und vielleicht erreiche ich den ein oder anderen, der nicht weiß, wie er mit Angehörigen umgehen soll. Natürlich kann ich nicht für alle stellvertretend sprechen, dass möchte ich auch nicht. Ich teile hier nur mein Empfinden mit.

 

Auch wir Angehörigen brauchen eure Unterstützung!

 

  • Ich habe sie oft gebraucht, denn wie bereits erwähnt, geht der Alltag weiter. Auch wenn wir nicht erkrankt sind, verbringen wir sehr viel Zeit in Krankenhäusern und Wartezimmern. Ich war um jede Hilfe dankbar. Die Freundin meines Bruders übernahm in der Zeit den Haushalt und die Wäsche. Wenn wir nach Hause kamen, hatte sie für uns gekocht.
  • Als meine Schwester und ich uns dazu entschlossen hatten wieder nach Hause zu ziehen, standen die engsten Freunde ohne nachzufragen vor der Tür und halfen uns beim Umzug.

 

Viele verstehen und wissen nicht, was so eine Diagnose mit sich bringt. Dabei geht das Ganze erst richtig los, nachdem der erste Schock verwunden ist. Das ist meist der Zeitpunkt, an dem die anderen denken, es wäre nun vorbei. Denn sie begreifen nicht, was noch alles auf einen zukommt.

 

Cancer has no face until it is yours or someone you love

 

In dem ganzen Jahr wurde meine Mama drei Mal operiert. Davon eine Notoperation, bei der zweiten lag sie eine Woche auf der Intensivstation. Insgesamt 40 Bestrahlungen. Ich weiß, dass nicht ich diejenige bin, die operiert und bestrahlt wurde. Doch war ich mit diejenige, die ihr die ersten Wochen nach den Operationen beim Duschen und Anziehen half, weil sie auf Grund der beiden Rückenoperationen Unterstützung brauchte. Ich war mit diejenige, die sie zur Bestrahlung brachte und mit ihr ihr im Wartezimmer saß. Ich war mit diejenige, die ihr die Hand gehalten hat. Während der Arztgespräche, mussten auch wir all die Nachrichten ertragen und schlucken. Wenn sie sich nach der Bestrahlung übergeben musste, hielt ich ihr mitunter die Haare. Und auch wenn es nicht meine Brust ist, die entfernt wurde, ist es alles andere als leicht vor dem OP zu sitzen und als junge Frau zu wissen, dass deiner Mutter gerade die Brust entfernt wird. Am liebsten wäre ich in den Operationssaal gelaufen und hätte den Ärzten das Skalpell aus der Hand genommen. Ich fühlte mich wie ein Verräter, weil ich all das zuließ. Wenn das zu ihrem Besten sein soll, dann versteh ich nicht, wie dass das Beste sein kann? In solchen Momenten ist es eine wahre Herausforderung, Logik und Gefühle in Einklang zu bringen.

 

Ihr seid nicht dabei gewesen, als ich morgens von ihrem Weinen aufgewacht bin, weil die Schmerzen Tumorbedingt so groß waren. Und ihr seid auch nicht dabei gewesen, als ich sie unzählige Male erwischt habe, wie sie heimlich weinte. Aus Angst, vor Schmerz und vor Verzweiflung. Und ja, Mama, ich weiß, dass du vor uns die Starke sein möchtest und das du uns vor vielem beschützen möchtest. Wahrscheinlich so wie ich es vor dir verbergen möchte, um dich zu schützen und für dich stark zu sein.

 

Momentaufnahmen sind alles was wir sehen.

Der Rest ist und bleibt nur ein Produkt,

aus dem wir meinen zu verstehen,

was sich erschließt aus unserem hypothetischen Konstrukt.

Denn haben wir die Schuhe unseres Gegenübers nicht getragen,

werden wir die Zusammenhänge nicht erkennen.

Trotzdem nehmen wir es uns raus zu wagen,

unsere Wahrnehmung Realität zu nennen.

 

Als Außenstehender sieht man nur Momentaufnahmen. Momentaufnahmen, in denen ich geschminkt zur Arbeit komme und Witze mache. Das ich meine Augenringe damit kaschieren möchte, weil ich mal wieder die halbe Nacht an die Wand gestarrt habe, könnt ihr nicht wissen. „Gut siehst du aus, scheint, als gehe es dir wieder gut.“, ich nicke und lächle.

 

  • Wenn ihr mich fragt, wie es mir geht, dann tut das bitte nur wenn ihr auch in der Lage seid, die Antwort zu ertragen. Wenn ihr es  wirklich ernst meint und es wissen wollt. Es kann sein, dass ich an einem Tag mit einem ernstgemeinten „Gut!" antworte und so kann es aber auch sein, dass ich in Tränen ausbreche und mich einfach nur über diese empfundene Ungerechtigkeit beschweren und meinem Schmerz Raum geben möchte. Eine Achterbahn der Gefühle...
  • Es gab Menschen, die sich in dieser Zeit von mir abgewandt haben und das ist völlig in Ordnung. Darüber bin ich sehr dankbar, denn sie haben den wahren Menschen in meinem Leben Platz gemacht.
  • Wenn ihr eure Hilfe anbietet, dann bitte nur, wenn es ernst gemeint ist. Und dankbar bin ich all den Menschen, die einfach geholfen und mir Dinge abgenommen haben. Denn ja, es mir fällt schwer um Hilfe zu bitten. Oft auch nur, weil ich anderen diese Last nicht zumuten möchte.

 

Ich danke jedem, der mir sein offenes Ohr in dieser Zeit schenkt und geschenkt hat. Es geht nicht darum, welche klugen Ratschläge und Wegweiser ihr mir gegeben habt. Oft konnte ich Gesprächen kaum folgen, weil ich in Gedanken wieder längst abgedriftet war. Auch wenn ich nicht mehr weiß, was ihr wortwörtlich gesagt habt, kann ich mich daran erinnern, dass ich dankbar war, allein dafür, das ihr mir zugehört habt. Dankbar für eure Stärke, meine Last mitzutragen und dankbar dafür, dass ihr in der Lage gewesen seid, euch den Schattenseiten des Lebens zu stellen. Obwohl es nicht euer Schatten ist. In dieser Zeit habt ihr wieder Licht ins Dunkel für mich gebracht.

 

Fragt mich bitte NICHT nach Prognosen oder Stadien!

 

Ich frage doch auch nicht, wann du sterben wirst oder deine Mutter zu Grabe bringen musst? Ich versuche diese Gedanken so weit wegzuschieben, wie es mir nur möglich ist. Also erinnere mich bitte nicht daran. Diese Gedanken sind sehr schmerzhaft für mich. Wenn ich darüber sprechen möchte, werde ich es tun. Doch das sind Fragen, die tun unbeschreiblich weh. Letztendlich wissen das nicht mal die Götter in Weiß. Unabhängig davon, möchte ich an ein Wunder glauben!

  • Holt mich ab. Lenkt mich ab. Erzählt mir von euren Problemen. Viele Sorgen meiner Liebsten habe ich erst im Nachhinein erfahren, weil sie mich nicht belasten wollten. Lasst mich Teil an eurem Leben haben. Leid ist nicht messbar. Das Leben besteht aus Geben und Nehmen.

Am Ende des Tages lege ich mich jedoch alleine ins Bett. Und die Ängste und Gedanken gehören mir allein. Sowie der Schmerz, den ich alleine tragen muss. Ich weiß, dass das alles nicht schön klingt und das war es auch nicht.

 

Doch da gibt es noch so viel mehr, was ich euch mitteilen möchte. Dieses Jahr war mitunter das Schönste in meinem Leben. Das klingt paradox. Ich habe so viel bedingungslose Liebe erfahren. Das Verhältnis zwischen meiner Familie und mir wurde noch intensiver und tiefgründiger. Ebenso sind wir miteinander noch fester zusammengerückt. Ich habe gelernt, dass auch der schlimmste Tag nur 24 Stunden hat. Das ich unglaublich stark bin. Wir wachsen mit den Herausforderungen und wir wachsen in sie hinein und dann über uns selbst hinaus. Ich war schon immer lebensfroh, doch noch nie wusste ich das Leben, meine Mitmenschen und meine Gesundheit so zu schätzen wie ich es heute tue. Noch nie war ich meinem Körper so dankbar, statt ständig an ihm herumzunörgeln. Ich lebe so viel intensiver. Ich koste die Momente aus und lebe im Augenblick, weil ich weiß, dass immer wieder Tiefphasen kommen werden. Denn das Leben ist ein ständiges Auf und Ab.

 

Was mir sehr geholfen hat und ich vielen ans Herz legen möchte, ist es ein Dankbarkeitstagebuch zu führen. Vor dem Schlafen gehen, lasse ich den Tag noch einmal Revue passieren und notiere alles, wofür ich dankbar bin. Das hilft mir, all den schönen Momenten ihren Stellenwert zu geben. Ebenso habe ich ein Erfolgsjournal angelegt, indem ich alle Herausforderungen, die ich gemeistert habe aufschreibe und dafür belohne ich mich. Ich habe ebenso eins für meine Mama angelegt. Darin notiere ich alle Erfolge seit ihrer ersten großen Operation. Egal wie klein und unbedeutsam sie auf den ersten Blick erscheinen.

Als die zweite Rückenoperation anstand, hätte sie meine Mama am liebsten abgesagt. Das Erste, was ihr in diesem Moment durch den Kopf ging, war die erste Nacht der ersten Operation und all die Einschränkungen, die sie danach erfuhr. Ich schlug mein Erfolgsjournal auf und las ihr all ihre Erfolge und Fortschritte laut vor. Sie hatte ganz aus den Augen verloren, was sie in all dieser Zeit gemeistert hatte. Sie gab mir einen Kuss und sagte nur „Danke mein Kind. Wenn ich es einmal geschafft habe, dann auch ein zweites Mal!". Jedes Mal, wenn ich vor einer Herausforderung stehe, packe ich mein Erfolgsjournal aus. Es erinnert mich daran wie stark ich bin, und zwar genau dann, wenn ich es scheinbar wieder vergessen habe und es am meisten brauche.

 

Das vergangene Jahr war ein Wechselbad der Gefühle. So groß das Leid und so tief der Schmerz auf der einen Seite sind, so groß sind die Lebensfreude, das Glück und die tiefe Dankbarkeit, die ich spüre. Ich verschiebe nichts mehr auf morgen oder nächstes Jahr. Das was ich möchte, setze ich um. Denn in dieser Zeit habe ich gelernt, meine Straßen auf dem Heute zu bauen, weil das Morgen ein zu unsicherer Boden ist. Ich arbeite an meinem Lebensprojekt und ich fürchte keine Herausforderungen, die mir das Leben stellt. Meine Mama beweist mir jeden Tag, dass wir in der Lage sind, alles zu schaffen. Sie ist so voller Lebensfreude, dass das auf uns alle abfärbt. Ich habe mir all meine Ziele und Träume schriftlich notiert und setze sie um. Und wenn ich denke, dass das alles nicht machbar ist, hole ich mein Erfolgsjournal raus und erinnere mich daran, wozu ich in der Lage und ich unbesiegbar bin, denn das hab ich von meiner Mama!

 

Ich gebe Kleinigkeiten keinen Stellenwert mehr. Das Leben ist zu kurz dafür. Und nein, ich kämpfe nicht mit Mama gegen den Krebs. Und nein, niemand da draußen hat den Kampf gegen Krebs verloren! Der Tod gehört uns allen und wenn jemand unbesiegbar ist, dann seid ihr es, die jeden Tag trotz schwerer Diagnosen uns euer Lächeln schenkt. Als die Wunde meiner Mutter aufgrund einer Wundheilungsstörung sich öffnete und ich diese notdürftig versorgte bevor wir ins Krankenhaus fuhren, fragte sie mich, wie ich dort arbeiten könne, ob ich kein Mitleid mit den Patienten hätte? Diese Frage höre ich sehr oft. Ich hatte nie Mitleid, nur höchsten Respekt und Bewunderung vor deren Stärke. Ich habe gelernt auf mich aufzupassen. Ich achte auf meine Gedanken und meine Formulierungen. Generell habe ich mein ganzes Leben auf den Kopf gestellt und es wurde mitunter zum schönsten Jahr.

 

Mein Tag beginnt sehr oft damit, dass ich mit meiner Mama auf der Terrasse frühstücke. Und sehr oft werde ich wach und höre sie glücklich singen und pfeifen. Alles im Leben ist Ansichtssache. Wann hast du das letzte Mal morgens gepfiffen und gesungen?

 

In Liebe

Vjosa


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Kommentare: 2
  • #1

    Saranda (Donnerstag, 04 Juli 2019 19:34)

    Ihr seid mein Anker ⚓️. Ich liebe euch und ich bin über jeden Tag dankbar an dem wir zusammen sein dürfen ❤️

  • #2

    Tralee (Dienstag, 20 August 2019 12:50)

    Es gibt so viele Diagnosen und ebenso viele Behandlungen für diese Krankheit. Dennoch bleibt es für viele Menschen eine unheilbare Krankheit.
    Was halten Sie von natürlichen Behandlungen?
    https://formulaswiss.com/blogs/cbd-and-cancer
    Viele Menschen teilen ihre guten Erfahrungen mit CB-Öl. Einige Ärzte glauben auch, dass es hilft.
    Was denkеn Sie?