Petra

Wo fange ich mit meiner Lebensgeschichte an? Beginnt meine Lebensgeschichte im Januar 2004 in New York auf der Aussichtsplattform des Empire State Buildings bei Minus 16 Grad als ich in der Eiseskälte meinen Heiratsantrag bekam? Oder fängt sie erst dann an, als wir im Mai darauf zu dritt (mein Mann, Lily-Mathilda (noch im Bauch) und ich) in Hamburg heirateten oder erst als ich unsere Tochter einen Monat später tot zur Welt bringen musste. Beginnt sie in der Nacht am 21.09.2009 als ich wegen einer von vielen Fehldiagnosen über die Notaufnahme für 8 1/2 in die Psychiatrie des Krankenhauses eingeliefert wurde und dort meine Flügel streckte, da ich absolut nicht mehr weiter wusste. Oder 2011 im Amtsgericht Hamburg-Bergedorf, als wir beide vor der Scheidungsrichterin standen oder einen Monat später auf der ITS, wo ich nach einer 18-stündigen abgebrochenen Hirn-Op und aus dem Koma als Vollpflegefall aufwachte und mir später die Ärzte und das Rhea-Team mitteilten, dass ich wohl nie wieder werde laufen können. Zu viel hatten der Hirntumor, die Hirnblutung und der Hirnschlag während der OP zerstört. Vielleicht beginnt sie auch im Herbst 2015, als mein Vater starb und ich bei einem heftigen Erbstreit meinen Geschwistern zwei Jahre lang sprachlos gegenüber stand und ich bis heute davon überzeugt bin, dass war die Grundsteinlegung für meinen Brustkrebs.

 

Was ich bis heute noch intensiv spüren kann ist, mit welcher Vorfreude und mit was für einen unglaublichen Tatendrang ich auf diesen Lebensabschnitt zuging. Mein Mann und ich waren damals so unglaublich naiv. In unserem kindlichen Größenwahn dachten wir, dass wir alles schaffen. Wenn nicht wir - der Bildhauer und die Kulturmanagerin -, wer dann? In den ersten Jahren haben wir uns auch ziemlich gut gemacht. Rückschläge, so meinten wir, gehören einfach dazu. Mein Lebensmotto war sehr einfach: hinfallen, aufstehen, Krönchen richten, weitermachen. Wenn mir heute ein Foto aus dieser Zeit in die Hände fällt, sehe ich mich nur mit dem Tumor im Kopf. Und dann spiele ich in der Gewissheit das Spiel: Was wäre, wenn der Gehirntumor schon 2004 entdeckt worden wäre? Was wäre, wenn er gar nicht erst da gewesen wäre?, dass ich mit dieser Bombe darin keine Chance hatte.

 

Der Tragik meiner ausweglosen Situation angemessen, beginne ich meine Geschichte mystisch und gehe zeitlich noch ein Stück weiter zurück. Es ist Frühjahr 2002 und ich bin noch in Düsseldorf. Laut der Ärzte das Jahr, in dem sich die ersten Zellen meines Tumors an mein Stammhirn setzten, und anfingen sich zu teilen. Eine Zeit des Aufbruchs und voller Vorfreude auf mein neues Leben in Hamburg. Wir wollten heiraten, Kinder bekommen und gemeinsam etwas Neues aufbauen. Ich fühlte mich großartig.

 

Und bevor all das losgehen sollte, begleitete ich meine Freundin, wie in den guten alten Zeiten zu ihrer WAHRSAGERIN, damit sie zum Tausendsten Mal die Frage der Fragen stellen konnte: wann der Mann der Männer endlich bei ihr vorbeischaut. Für mich war das immer ein nettes Unterhaltungsprogramm. Bei diesem Besuch war es allerdings anders: die Stimmung im Zelt war schwer und bedrückend. Absolut keine Stimmung für den Zukünftigen. Kurz bevor meine Freundin ihre Karten ziehen sollte, bekam sie Beklemmungen. Völlig überrumpelt zog ich für meine Freundin die Karten, die mir die Wahrsagerin entgegenstreckte und so zog ich sie, die Kreuz 8 in einer sehr ungünstigen Konstellation.

 

Die Wahrsagerin sagte: Sie werden eine schwere Krankheit erleiden und sollten sie diese überleben, dann fängt ihr Leben an. Bis heute frage ich mich, darf man das? Solche Sachen sagen.

 

Diesen Fluch konnte ich die ersten zwei Jahre nicht wirklich abschütteln. Er war wie ein kleiner Riss in meiner rosaroten Zukunftsvision. Später vergaß ich ihn völlig. Die Erinnerung daran kam erst wieder, als ich auf der Intensivstation nur noch eins konnte, denken. Alles andere übernahmen die vielen Apparate um mich herum. Obwohl ich so gerne mein Leid, meine Wut und die Hilflosigkeit auf die Wahrsagerin projiziert hätte, ich konnte ihr die Schuld für all das nicht in die Schuhe schieben. Ich bin einfach nicht esoterisch drauf. Also konnte ich auch mit keiner Wunderheilung rechnen. Nach den beiden Gehirn-OP’s im Jahr 2011 und wieder zu Hause steckte ich in einem leeren Leben fest. Ich hatte nichts gemeinsam mit den Menschen, die man aus dem Fernsehen kennt, die sich tapfer und ohne jegliches Selbstmitleid wieder zurück ins Leben kämpfen. Zwar lernte ich trotz aller Prognosen der Ärzte, in den ersten Jahren wieder atmen, schlucken und sogar gehen und ich konnte selbständig und ohne Hilfe leben, sowie halbwegs meine beruflichen Projekte realisieren. Aber ich kam stündlich an meine Grenzen und wollte mindestens 3 x am Tag von der Brücke springen. Ich nahm mein Leben nicht wieder hoffnungsfroh in die Hand und füllte es mit Tagen und nicht die Tage mit Leben. Mehr war nicht drin.

 

Und dann kam mit voller Wucht und völlig überraschend die Wende. Frei nach der homöopathischen Methode, bei der Gleiches mit Gleichem bekämpft wird. Am Freitag, den 2. März 2018 bestieg ich um 12:21 Uhr vor der Radiologie ein Taxi Richtung meines Frauenarztes und wusste, etwas hat sich in meinem Leben unwiderruflich verändert. Ich war nach so langer Zeit aufgewacht. Hellwach. Klar. Da. Ein Schalter wurde einfach so ohne Vorwarnung umgelegt und ein paar Zellen in mir meinten völlig ausgelassen: Hey lass uns wieder leben.

 

All die Aufregung hatte eine Assistenzärztin (das gesamte Radiologie-Team lag mit Grippe flach) hervorgerufen, die in meiner rechten Brust eine Auffälligkeit gesehen hatte, die dann aber wieder im Ultraschall nicht zu erkennen war.

 

Weitere Untersuchungen folgten und bis das Ergebnis einigermaßen schlüssig vorlag, von dem man die Vorgehensweise ableiten konnte, war es bereits Ende April. Ich fuhr in dieser Zeit mit dem Aufzug der Hölle rauf und runter. Aber ich spürte weiter die Lebendigkeit in mir. Sie blieb.

 

Trotz des neuen innerlichen Aufbruchs, fehlte mir für diese Diagnose: „beidseitiger Brustkrebs, beidseitige Brustamputation, Chemo und Antikörperspritzen ein Jahr lang“, jegliche Energie und Lebensmut. Der lahme Spruch meiner übrig geblieben Freunde und Bekannten:

 

Kämpfe für Dich, Du bist es wert, lockte nur noch ein stumpfsinniges Gähnen bei mir hervor.

 

Die Menschlichkeit der Ärzte und des Pflegepersonals vom Brustzentrum sowie der Onkologie, meine vier Mitstreiterinnen der Chemo und die kleinen quirligen Lebenswillen-Zellen in meinem Körper, gaben mir den Mut, die Zuversicht und immer wieder den Kampfwillen zurück. Das unermüdliche, fröhliche und liebevolle Mantra lautete:

 

Hey, wir schaffen das, Du wirst leben!

AdobeStock_980734 // Petra Bach
AdobeStock_980734 // Petra Bach

Während der Chemo dachte ich, als sie mir dabei half, die vielleicht wenigen noch vorhandenen aggressiven, mutierenden und nichtsnutzigen Zellen aus meinem Körper zu schmeißen, warum nicht auch alle toxischen Beziehungen, Gewohnheiten und Muster aus meinem Leben werfen. Als ich im April diesen Jahres noch 4 Antikörperspritzen vor mir hatte, stand ich zum letzten Mal mit einem ziemlichen Seelen-Sturmtief auf der Rheinkniebrücke und fragte mich: Was soll der ganze Scheiß? Wozu der Kampf? Ich habe immer noch kein Leben! Ich brauchte ein Ziel. Irgendetwas, woran ich mich festhalten konnte und da kam mir die Idee mit New York. Ich liebe diese Stadt und war seit 2004 nicht wieder dort. Zudem finde ich es schön, wenn sich ein Kreis schließt. Ich dachte, anstelle ständig von der Brücke springen wollen, könnte ich es ja mal versuchen, darüber zu laufen. Könnte ja mal versuchen, das Leben wieder in die Hand zunehmen.

 

„Ich nehme die Herausforderung an

und werde am 07.11.2021 am New Yorker Marathon

teilnehmen und für jedes geschenkte Lebensjahr einen Kilometer laufen!“


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