Interview Peter Altmann

Bild: Marina Probst-Eiffe
Bild: Marina Probst-Eiffe

Lieber Peter,

 

du bist so viel mehr als die große Liebe und starke Schulter von Claudia Altmann-Pospischek, die vielen Betroffenen und Unterstützern bekannt ist als Brustkrebsaktivistin, Bloggerin und Patientenvertreterin. Bitte stelle Dich uns kurz vor.

 

Mach ich doch gerne. Ich bin 51 Jahre alt, aufgewachsen in Wien. Ich arbeite als IT-Techniker für eine Tochterfirma der IBM und betreue dort für die größte österreichische Bank eine Reihe von Datenbankservern.

Ich habe Claudia vor 20 Jahren kennen und lieben gelernt. Seit 2006 wohnen wir zusammen in Wiener Neustadt (das liegt ca. 50 km südlich von Wien), seit 2008 sind wir verheiratet.

Ich bin sehr gerne auf Reisen (besonders in England), höre viel Musik (am liebsten Depeche Mode, Pet Shop Boys, New Order), besuche daher gerne Konzerte – auch mal am anderen Ende der Welt. Vor einigen Jahren habe ich begonnen, mich der Ahnenforschung zu widmen und finde es immer wieder spannend, Verwandtschaft in aller Welt ausfindig zu machen – der Stammbaum wächst! Und schlussendlich bin ich noch großer Fußballfan und juble für Austria Wien und Manchester United.

 

Wie hast du damals für Dich die Diagnose fortgeschrittener Brustkrebs Claudias erlebt? Welche Rolle und Aufgaben zur Entlastung Claudias, hast du für Dich in dieser Situation übernommen? Habt ihr in den vergangenen Jahren eine Veränderung eurer Beziehung erlebt?

 

Für mich stand mit Beginn von Claudias Krebserkrankung fest, dass ich bei allen wichtigen Arztterminen und -gesprächen dabei sein werde. Daher war ich auch mit ihr zusammen im Krankenhaus, als wir von den Metastasen erfahren haben.

Eigentlich sollte an diesem Tag nur festgelegt werden, ob Claudia eine Chemotherapie oder eine Antihormontherapie bevorsteht. Wir haben natürlich nicht damit gerechnet, dass die Ärztin uns diese niederschmetternde Nachricht überbringen würde. Statt einer Diskussion rund um Haare verlieren stand plötzlich etwas anderes im Vordergrund: nämlich Claudias Leben.

Claudia hat die ersten Sätze der Ärztin zwar noch realisiert, aber dann schaltete sich ihr Kreislauf ab und sie musste sich hinlegen. Für mich bedeutete das, dass nun die gesamte Last auf meinen Schultern lag. Ich musste mit der Ärztin reden, ich musste Information sammeln, ich musste Fragen stellen, ich musste die gesamte Thematik so verstehen, dass ich sie Claudia später weitergeben konnte. Also habe ich mich quasi in eine Art „Besprechungs-Modus“ versetzt, bei dem ich sämtliche Emotionen ausgeblendet und das ganze Gespräch von einer sehr technischen Seite geführt habe. Ich brauchte Details, Zahlen, Daten, Fakten, Ziele, Pläne. Ich war darauf bedacht, zu funktionieren. Die Verarbeitung meiner Gefühle ist erst viel später erfolgt.

Natürlich ändert sich mit so einer Diagnose auch eine Beziehung. Wir beide, Claudia und ich, haben uns verändert. Ich denke, dass wir viel bewusster leben, dass wir Dinge, die rund um uns geschehen, deutlich intensiver in uns aufsaugen. Wir beide wissen, dass unsere gemeinsame Zeit unendlich viel kostbarer geworden ist. Deshalb haben wir beschlossen, unsere Wünsche und Träume so früh wie nur irgendwie möglich zu realisieren, wir brauchen auf nichts mehr zu warten. So haben wir z. B. vor einiger Zeit beim Karneval von Rio im Publikum mitgetanzt oder haben uns die zauberhafte Kirschblüte in Japan angesehen – zwei lang gehegte Träume. Da versuchen wir dann nach dem Motto „Collect memories, not things“ zu leben.

 

Die Verarbeitung der Diagnose deiner Frau, hat sicherlich seine Zeit gebraucht. Wie hast Du diese für Dich erlebt und konntest Du dabei Unterstützung annehmen? Wie bist Du den Ängsten und Sorgen um das Leben deiner Frau begegnet, oder hast Du diese ganz tief in Dich „verpackt"?

 

Ich weiß nicht, ob man so eine Diagnose jemals ganz verarbeitet, weil man ja jeden Tag damit konfrontiert ist. Ich habe, abgesehen von den körperlichen Beschwerden, die gleichen Reise wie Claudia hinter mir – mit vielen ups and downs. Natürlich kann ich die Nebenwirkungen der Therapien nicht am eigenen Leib spüren, aber ich sehe die Auswirkungen. Ich sage gerne: „Ich bin co-betroffen.“

Die Angst, dass Claudia die Strapazen nicht durchsteht, die Verzweiflung nichts machen bzw. nicht helfen zu können, die damit einhergehende Wut, diese grässliche innere Unruhe beim Warten auf einen Befund, das sind alles Gefühle, die ich selbst immer wieder erlebe.

Was ich aber niemals hatte, war die Angst Claudia zu verlieren. Ich habe einfach ein unglaublich großes Vertrauen in Wissenschaft und Forschung. Ich glaube fest daran, dass immer wieder neue und bessere Medikamente und Therapien verfügbar sein werden, die Claudias Lebenszeit noch deutlich verlängern können.

Und ja, zum Teil habe ich alles „ganz tief in mir verpackt“ – das trifft es recht gut. Ich habe bis zu einem gewissen Grad die ganzen Ängste in bester männlicher Manier verdrängt, nach hinten geschoben. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass ich mir nicht gerne Gedanken über Dinge mache, die ich nicht ändern kann.

 

Hat sich Dein persönlicher Fokus zu früher" verändert?

 

Das ist nicht ganz einfach zu beantworten. Mein Leben hat sich mit Claudias Diagnose enorm verändert, wobei jene Dinge, die mir davor schon wichtig waren, es heute auch noch sind: unsere Partnerschaft, mein Job, unser Freundeskreis, unsere Reisen, unsere Musikleidenschaft.

Hinzugekommen sind all die Aspekte, die Claudias Krankheit mit sich bringt und bei denen ich ihr voll und ganz zur Seite stehe und sie nicht nur mental begleite, sondern auch vermehrt in Haus und Garten unterstütze. Zudem freue ich mich über Ihr Brustkrebsengagement, begleite sie gerne zu Veranstaltungen (ich kenne und schätze die Community – samt Männern – mittlerweile sehr und zähle viele zu meinen FreundInnen!) und mache für sie ab und zu Grafiken am Computer.

Tatsächlich verändert hat sich aber eines: Ich schiebe Dinge, die wichtig sind und die ich bzw. wir erleben wollen, nicht mehr auf. Now ist the time. Und ich habe festgestellt, dass es nur eine Kostbarkeit auf der Welt für mich gibt:

 

Zeit für mich, Zeit mit Claudia.

 

Bild: Marina Probst-Eiffe
Bild: Marina Probst-Eiffe

Ihr Beide lebt in Österreich. Bist Du mit den dortigen Unterstützungsangeboten für Angehörige zufrieden? Was sollte sich aus Deiner Sicht ändern und wie könnten die Interessen von Angehörigen stärker in den Fokus gerückt werden?

 

Dreh- und Angelpunkt, was Unterstützungsangebote bei uns betrifft, ist die Österreichische Krebshilfe. Diese ist eben nicht nur für PatientInnen, sondern auch für Angehörige da. Das heißt, die Krebshilfe kümmert sich auch um die Bedürfnisse Angehöriger und sorgt damit für wichtiges Empowerment. Denn viele Angehörige sind ebenfalls belastet, wollen helfen, wissen aber nicht wie und verzweifeln.

Zusätzlich gibt es auch eine eigene Facebook-Gruppe „Brustkrebs Angehörige“, in der ein Austausch in einem geschützten Raum stattfinden kann. Für mich persönlich ist das ein hervorragender Service.

Ich würde mir wünschen, dass in der öffentlichen Wahrnehmung das Bild, dass unter einer Krebserkrankung nur der/die PatientIn leidet, geändert wird. Denn: Dem ist nicht so – der/die PartnerIn, die Familie, FreundInnen, ArbeitskollegInnen – das gesamte soziale System ist in der einen oder anderen Art betroffen. Hier würde ich mich über ein wenig mehr Toleranz und Verständnis freuen.

Für mich ist es wunderbar zu wissen, dass ich immer auf die Unterstützung meiner Freunde, meiner Schwiegereltern, dem Team der Österreichischen Krebshilfe, Claudias Ärzte-Team und vielen mehr zählen kann – das ist ein beruhigender Gedanke!

 

Ich habe Dich als einen klugen und feinfühligen Mann kennengelernt, der offen über die Erkrankung seiner Frau spricht. Hilft Dir eure gemeinsame Offenheit beim Umgang einer Erkrankung, die für viele noch immer als ein Tabuthema angesehen wird? Gibt es eine Botschaft, die Du an PartnerInnen/Angehörige weitergeben möchtest?

 

Danke für das Kompliment, aber ich habe es leicht, über die Erkrankung zu reden, weil Claudia das ja selbst intensiv tut – öffentlich, ehrlich und authentisch – auf ihrem Blog Claudias Cancer Challenge.

Der „Bonus“ eines offenen Umgangs liegt einerseits in einer besseren eigenen Verarbeitung und andererseits im Kennenlernen von Menschen, die ein ähnliches Schicksal teilen. So bin ich mittlerweile mit einigen Männern von Claudias Brustkrebsmädels befreundet und freue mich immer auf einen Austausch auf Augenhöhe, weil wir uns in ähnlichen Situationen befinden. Wir müssen alle nicht erklären, wir verstehen. Da wird auch mal ein Auge feucht (nein, wir weinen nicht! 😉) – und dann lachen wir wieder; dieser Mix macht es aus.

Was die Kommunikation im Hinblick auf Krebs angeht, erscheinen mir zwei Punkte wichtig: Erstens ist der bzw. die Erkrankte immer mehr als seine/ihre Krankheit. Eine Person auf ihre Krankheit zu reduzieren, geht auf Kosten von Lebensfreude und Perspektiven. Zweitens ist ein Totschweigen der Krankheit ebenso fatal, weil die Krankheit natürlich auch Raum braucht. Wie in vielen anderen Bereichen auch: Setze auf den goldenen Mittelweg!

 

Wenn Du mich um eine Botschaft bittest, dann lautet diese: Seid für Eure Partner da, versucht ihre Ängste und Probleme zu verstehen und unterstützt dort, wo es notwendig ist. Tauscht Euch mit anderen Angehörigen aus und holt Euch selbst Hilfe, wenn alles mal „zu belastend“ wird.

 

Welche Situationen schenken Dir Kraft, Zuversicht und Ausgleich?

 

Was mir unheimlich viel Kraft gibt, ist ein Lächeln von Claudia und der Glanz in ihren Augen, wenn sie sich wohl fühlt. Enorm wichtig sind dann natürlich gute Nachrichten, ein Befund zum Beispiel, in dem „Stable Disease“ zu lesen ist – diese lassen uns feiern und wieder voller Zuversicht in die Zukunft blicken.

Ausgleich bedeutet für uns in erster Linie Reisen. Ein Urlaub in England steht da – für uns Hobby-Briten – ganz oben auf der Liste. Auch neue Destinationen nehmen wir immer gern ins Visier. Reisen war auch vor Claudias Diagnose unser liebster Zeitvertreib. Nun bedeutet es noch viel mehr – nämlich die Möglichkeit aus dem Krankheitsalltag auszubrechen und ein paar Tage Unbeschwertheit zu genießen. Claudia meint stets: „Die Krankheit steigt nicht in den Flieger ein. Sie bleibt daheim.“

Und wenn wir zu Hause sind, tut es auch gut ein paar Stunden in unserem englischen Salon zu verbringen, zu reden, zu lesen, Musik zu hören. Unser „Little Britain“ ist dazu der perfekte Rückzugsort.

 

Wie geht es DIR? Oder: Ist dies eine Frage, die Du manches Mal in den vergangenen Jahren vermisst hast?

 

Danke, mir geht es gut. Ich habe ein glückliches und erfülltes Leben. Claudia und ich führen eine großartige Beziehung, haben ein wunderbares Netzwerk an Herzensmenschen, ich bin äußerst zufrieden mit meinem Job, wir haben ein hübsches Haus – wenn nur Claudias unheilbare Krankheit nicht wäre …

Generell ist das eine Frage, die mir immer wieder mal gestellt wird – nicht oft, aber doch. Von der Familie, von FreundInnen, von Arbeitskollegen – aber am häufigsten definitiv von anderen Erkrankten und deren Angehörigen. Vermutlich deswegen, weil diese das Standing von Angehörigen besser verstehen können. Das gibt mir auch gleich die Möglichkeit, mich bei all jenen zu bedanken, die immer für mich da sind. Danke!


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Kommentare: 2
  • #1

    Georgine (Montag, 07 Dezember 2020 19:12)

    Sehr gut be- und geschrieben! Viel zu oft werden die Angehörigen "vergessen". Oder von "Freunden"/Bekannten wird oft gesagt: "Stell Dich nicht so an" oder "Reiß Dich zusammen" - zu den Betroffenen ebenso wie zu den Angehörigen.
    Gut gemeint, aber leider schlecht gedacht.
    Auch ich bin sehr froh, einen tollen Partner und einen tollen Sohn an meiner Seite zu haben, die mich unterstützen und auch "ertragen".
    Liebe Grüße und alles Gute!

  • #2

    Christine Deischl (Dienstag, 08 Dezember 2020 06:39)

    Ein wunderbares, gefühlvolles und sehr offenes Interview.
    Es hat mich sehr berührt.
    Es ist ein großes Geschenk, einen solchen Menschen an der Seite zu haben.
    Ich habe auch so einen Peter (der heißt übtrigens auch so) - der mein Fels in der Brandung ist.
    Alles Gute für euch weiterhin.
    mit herzlichsten Grüßen aus Oberbayern, Christine Deischl (auch beroffen aber nicht metastasiert)