Melissa - TIGERTEAMFOREVER

Fotografin Vanessa Schäfer,  Projekt Einzig-art-ICH
Fotografin Vanessa Schäfer, Projekt Einzig-art-ICH

Ich bin Melissa und möchte euch gerne unsere Geschichte erzählen. Die Geschichte vom Tigerteam. Die Geburt meines ersten und einzigen Kindes hat mein Leben und meine Gefühle total auf den Kopf gestellt. Nie hätte ich mir träumen lassen, dass ich so viel Liebe für einen einzigen Menschen empfinden könnte. Mein Leben schien perfekt. Doch als Julius 2 ½ Jahre war, trennt sich sein Papa nach 14 Jahren Beziehung von mir. Und mit Mitte 30 war ich plötzlich alleinerziehende Mama.

 

Meine Welt schien zu zerbrechen. Aber Julius rettete mich. Wir waren beide oft traurig, kuschelten viel zusammen und trösteten uns gegenseitig. Als er noch kein halbes Jahr war, bekam er von mir den Spitznamen Tiger, weil er schon damals knurrte wie ein kleines Raubtier. Aus Julius „Tiger“ und mir, wurde das Tigerteam.

 

Aber im Mai 2015, ein Jahr nach dem Julius Papa uns verlassen hatte, wurde bei Julius eine aggressive Krebsart (Ewingsarkom) diagnostiziert. Julius war sehr schwer krank und ich war voller Angst und fühlte mich so unglaublich hilflos. Der kleine Tiger musste viel über sich ergehen lassen. 14 Chemos, mehrere OPs, so viele Krankenhausaufenthalte, unendlich viele Medikamente und Spritzen. Und den Verlust seiner Haare. Ich ließ ihn dabei keine Sekunde alleine und war immer an seiner Seite. Ich fühlte mich so unfassbar hilflos in dieser Zeit.Nach 11 Monaten Therapie hatte es der kleiner Kämpfer überstanden. Ich war davon überzeugt, wir hatten den Krebs besiegt. Und wir starteten im Frühling 2016 voller Zuversicht in ein neues Leben. Aber im August war der Krebs wieder zurück. Ich fühlte mich wie gelähmt und spürte eine Angst in mir, die alles bisherige übertraf und kaum in Worte zu fassen war. Im Gespräch mit Julius behandelndem Arzt stellte ich die Frage, die eine Mutter niemals stellen will: „Wie stehen die Chancen meines Kindes, diesen Krebs zu besiegen?”. Der Arzt antwortete ehrlich: „Die Chancen, dass Julius daran verstirbt sind größer, als das er den Krebs überlebt.”

 

Wir entschlossen uns für eine weitere Therapie. Eine kleine Chance gab es ja noch. Der Tiger wurde erneut operiert und danach folgten wieder fünf Chemos. Zur Hochdosis Chemo im Januar 2017, rasierte ich mir aus voller Überzeugung und gegen den Willen meiner Familie, eine Glatze. Julius strich mir zärtlich über meinen Kopf. Durch die erneute Chemo hatte er natürlich auch wieder seine Haare verloren. „Mama! Du hast ja auch keine Haare...“. Das erste Mal seit Monaten hatte ich das Gefühl, meiner Angst und meiner Hilflosigkeit Ausdruck zu verleihen und ich fühlte mich stark genug, dem ganzen Elend entgegenzutreten. Ich war nach der ersten Therapie so leichtgläubig gewesen, dass wir den Krebs besiegt hätten. Der Schock der 2. Diagnose hatte mich völlig umgehauen. Hatte ich zu Beginn die richtigen Fragen gestellt? Hatte ich wichtige Informationen verdrängt? Es war damals einfach zu viel gewesen. Als ehemalige Krankenschwester sollte ich es doch besser wissen! Aber ich war damals wie gelähmt und völlig überfordert mit der Situation...

 

In der folgenden Krebsnachsorge sah alles gut aus. Auch das, was kurzzeitig schlecht aussah (Pünktchen im MRT), entpuppte sich als harmlos. Julius hatte wieder Spaß am Leben, aber ich war am Ende. Ich hatte kein gutes Gefühl. Ich kam nicht zur Ruhe. Und ich spürte, dass seine Chancen gering waren. Ich wollte, dass er nicht leidet, nicht mehr ins Krankenhaus muss. Er sollte Kind sein und sein Leben genießen dürfen. Zumindest die Zeit, die er noch hatte. Bei einer weiteren Nachsorge im Krankenhaus berichtete ich den Ärzten, dass wir bei erneutem Befund, keine weiteren Therapien mehr zulassen. Des weiteren reduzierten wir die Nachsorgeuntersuchungen auf das notwendige Minimum. Nur noch Röntgenaufnahmen, statt MRTs oder CTs. Für die brauchten wir nämlich keine Narkose. Kein Blutbild aus dem Port, sondern nur aus dem Finger. Der Port wurde vorläufig nicht entfernt. „Mama, dass ist doch mein Porty!“. Freunde soll man ja nicht trennen. Mit meinem kleinen Plan, schlief ich dann ein bisschen besser.

 

Am 26.02.2018 wurden im Röntgenbild neue Metastasen entdeckt. Drei mal drei Zentimeter. An diesem Tag stand fest, Julius, mein kleiner Tiger, würde sterben! Und wieder stand unsere Welt still...

 

Und ich setzte das um, was ich vorher geplant hatte. Ich ging nicht mehr arbeiten und sagte Julius: „Jetzt geben wir Vollgas und machen nur noch Sachen, die Spaß machen!”. Ich erschuf unseren Blog Julius Tigerherz. In unserem Blog schrieb ich täglich, wie es uns ging. Was wir noch alles mit unserer Zeit vorhatten. Wir unternahmen eine Kreuzfahrt, flogen mit einem Zeppelin und machten lauter Dinge, die wir toll fanden. Er tobte herum und es war eine wahre Freude, ihm dabei zuzusehen. Eines Tages fragte er mich: „Mami, bin ich noch krank?". Ich antwortete wahrheitsgemäß: „Ja Schatz, aber wir gehen nie wieder ins Krankenhaus.”. Er wusste, dass er krank war und das Medikamente und Blutentnahmen irgendwie zu seinem Leben gehörten. Die Tragweite, die seine Erkrankung hatte, verstand er jedoch nicht. Ihm war nicht bewusst, was Leben oder der Tod bedeuteten. Was für mich von Vorteil war. Am Ende seines Kampfes konnte ich ihm versprechen: „Ich lasse dich niemals allein und bleibe immer bei dir!“.

 

Im Dezember feierten wir tatsächlich noch ein wunderschönes Weihachten. Und im neuen Jahr (Februar) passierte etwas, mit dem ich am wenigsten gerechnet hätte. Ich verliebte mich. Es entstand ein inniger Kontakt zu einem alten Kollegen. Wir hatten zusammen gearbeitet und daraus war eine langjährige Freundschaft entstanden. Wir trafen uns und Julius schloss ihn sofort in sein Herz. Julius Zustand verschlechterte sich im März zusehends. Wir waren gerade im Hospiz zu unserem zweiten Aufenthalt angekommen, als er ständig erbrach und keine Nahrung mehr bei sich behalten konnte und rapide an Gewicht verlor. Das Palliativteam riet uns, bis auf weiteres im Hospiz zu bleiben. „Julius hat sich wohl diesen Aufenthalt ausgsucht, um loszulassen”, sagte seine Ärztin. Ich war mit meinen Kräften am Ende und war schlussendlich auch bereit dort zu bleiben, was ich vorher kategorisch ausgeschlossen hatte. Der kleine Kämpfer trat seine neue Reise am 11. Mai 2019, im Kreise seiner Liebsten (Mama, Papa, Christoph) in den Himmel an...

 

Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht an Julius denke und an dem ich ihn nicht vermisse. Realistisch gesehen, hatte Julius keine Chance. Wir haben versucht, es ihm so angenehm wie möglich zu machen. Emotional war es eine Katastrophe und das ist nur eine gelinde Beschreibung. Ich rede und schreibe offen über meine Gefühle auf unserem Blog Julius Tigerherz und drehe Videos zum Thema Trauer auf unserem YouTube Kanal JuliusTigerHerz. Ich lasse Menschen an meiner Trauer teilhaben und zeige regelmäßig wie schwer es mir fällt, dieses neue Leben zu akzeptieren.

 

Ich habe mich verändert und in den letzten Jahren viel gelernt. Über mich, das Leben und über die Liebe. Im März 2020 ist unser Buch JuliusTigerHerz, Aufgeben ist keine Option erschienen. Ich hatte die Möglichkeit, unsere Geschichte aufzuschreiben und meinem kleinen Sohn darin noch mal neu zu begegnen. Ich möchte anderen Mut machen zu ihren Gefühlen und Ängsten zu stehen. Julius hat mir gezeigt, dass man auch mit einer Krankheit oder einem schweren Schicksal, eine bestimmte Lebensqualität erreichen kann.

 

Die Ärzte sagten, Julius hat nur 2 bis 3 Monate zu leben. Am Ende hatten wir 15 Monate. Im Dezember 2019 wurde bei mir eine seltene Autoimmunerkrankung (SLE – Lupus) festgestellt. Lupus kann die inneren Organe befallen, bevorzugt befällt diese Erkrankung die Nieren. Es kann zu Hautveränderungen, Gelenkschmerzen, Haarausfall, Fatigue und Organversagen kommen. Aber zum Glück wurde diese Erkrankung früh erkannt. Zu Beginn hatte ich etwas Angst. Musste das jetzt auch noch sein? Ich habe mir Zeit gelassen, diesen neuen Feind in meinem Körper und in meinem Leben kennenzulernen. Ich habe mit ihm Freundschaft geschlossen. Dank Medikamenten, kann ich arbeiten und habe kaum oder wenig Schmerzen oder Beschwerden. Dafür bin ich sehr dankbar...

 

Das Leben läuft nicht immer wie man es plant, aber es liegt an uns, dass Beste daraus zu machen. Ich habe keine Angst mehr, weil Julius mir gezeigt hat, wie schön das Leben wirklich ist.  Jeder Tag zählt...

 

TIGERTEAMFOREVER!!!


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