Anja: Amigurumi als Mutmacher

„Es ist ein Karzinom.“ Im Oktober 2019 hat sich mein Leben, durch diese vier Worte meines Gynäkologen, von einem Tag auf den anderen schlagartig verändert.

 

Zu diesem Zeitpunkt war ich 37 Jahre alt, und Brustkrebs hatte ich wahrlich nicht auf dem Schirm. Nach anfänglicher Schockstarre und Fassungslosigkeit nahm ich die bisher größte Herausforderung meines Lebens an und entschied mich für 16 Zyklen Chemotherapie, 18 Zyklen Antiköpertherapie, eine Operation, 35 Bestrahlungen und eine Anschlussheilbehandlung. „Ich will leben! – Ich habe doch noch so viele Pläne!“, sagte ich mir immer wieder aufs Neue.

 

Ein Jahr später waren die kräftezehrenden Therapien und die damit verbundene emotionale Achterbahnfahrt weitestgehend abgeschlossen. Erfolgreich! Voller Dankbarkeit, Demut und Freude kann ich seither und hoffentlich auch in Zukunft sagen: „Ich bin krebsfrei!“ Welch ein Geschenk!

 

Ich spürte meinen Lebenshunger so intensiv wie nie zuvor! Nichts mehr aufschieben, auf nichts mehr warten, sich wieder ins Leben werfen, endlich wieder daran teilhaben, das Leben genießen und jede wertvolle Sekunde auskosten wollen - ich war bereit! Doch die weltweit herrschende Corona-Pandemie machte meinen ambitionierten Plänen einen Strich durch die Rechnung. Statt sich nun endlich wieder ins Leben zu stürzen, war im Herbst 2020 soziale Isolation angesagt.

Als ich eines Abends „social-distancing“- frustriert durch meine Wohnung streunte, fiel mir ein Häkelbuch in die Hände, welches ich kurz vor meiner Krebsdiagnose erworben hatte. Der Trend aus Japan, sogenannte „Amigurumi“ (kleine gehäkelte Kuscheltiere), hatte mich seinerzeit neugierig gemacht. So erarbeitete ich mir damals bereits die handwerklichen Häkelgrundlagen - bis zum Tag meiner Krebsdiagnose.

 

In den langen Monaten der Krebstherapie hatte ich das Häkeln, nach einigen gescheiterten Versuchen, nicht weiterverfolgt. Die Therapie hatte Spuren hinterlassen: Längeres Konzentrieren auf einen Film, ein Buch oder gar eine aufwendige Häkelanleitung waren für mich unmöglich geworden. Mein Kopf fühlte sich an, als hätte ihn jemand mit Watte gefüllt. Meine Aufmerksamkeitsspanne glich der einer Zweijährigen.

 

Nun, beim erneuten Durchblättern des Buches, kribbelte es in meinen Fingern. Diesmal waren es nicht die Nachwehen der Chemotherapie. Vielmehr verspürte ich wieder den Wunsch, kreativ zu arbeiten. Einen Versuch war es Wert, am Hobby von damals anzuknüpfen. Ich kramte Häkelnadel und Garn heraus und begann feste Maschen in einen „magischen Fadenring“ zu häkeln. Es dauerte eine Weile, bis ich die handwerklichen Basics wieder beherrschte, aber bald feierte ich erste motivierende Erfolge. Die Zeitfenster, in denen ich konzentriert an meinen Werkstücken arbeiten konnte, wurden größer. Das machte mir Mut! So trainierte ich ganz unwillkürlich meine grauen Zellen, und die Abende in der häuslichen Isolation wirkten nicht weiter langweilig. Das erste Amigurumi - ein Pandabär - wuchs und wuchs. Versunken in die kreative Arbeit, angespornt durch das stetig wachsende Werk, häkelte ich Abend für Abend. Das konzentrierte Werkeln strengte mich immer weniger an. Eher konnte ich beim Häkeln die Welt um mich herum vergessen und meditative Ruhe und Entspannung finden.

 

Fasziniert von der Lebendigkeit des kleinen Wesens, welches ich zum Leben erweckte, schuf ich im Winter 2020/2021 einen kleinen Häkeltierzoo. Zum Pandabären gesellten sich Koala, Hummer, Alpaka, Fledermaus, Esel, Ameisenbär und Affe, es wurden immer mehr.

 

Das Häkeln schenkt mir seither große Freude und Inspiration, es ist meine ganz persönliche „Mut-mach“-Quelle geworden. Die kreative Handarbeit ließ mich in kleinen Schritten zu geistiger Stärke zurückfinden. Die trostlosen, von sozialer Isolation geprägten Monate der Pandemie wurden von nun an ideenreich, bunt und kurzweilig.

 

Meine Amigurumis machen mir und auch anderen Mut. Ich verschenke sie gerne an liebe Menschen und kann damit gerade in Zeiten von „social-distancing“ ausdrücken: „Ich denk‘ an Dich und hab‘ Dich lieb.“


Anja hat aber nicht nur die Kunst des Amigurumi für sich entdeckt. Zusammen mit Freundinnen aus ihrer Chemogruppe, gründete sie einen Stammtisch in Aschaffenburg. Und wann immer es möglich ist unter Coronabedingungen, treffen sich die Freundinnen zu einem gemeinsamen Austausch, schenken sich gegenseitig Kraft und Mut.

 

Zusätzlich engagiert sich Anja für mamazone e.V. und steht als emphatische Ansprechpartnerin für erkrankte Frauen aus Aschaffenburg zur Verfügung.


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