Tina! Mit euch kann man auch im Regen tanzen...

Bereits Ende letzten Jahres hat mich die liebe Nicole eingeladen, meine Geschichte für Ihren Blog aufzuschreiben. Und ich, die ich von klein auf Geschichten liebe, hab mich riesig gefreut. Aber welche Geschichte will ich erzählen und vor allem wie?

Das hat etwas gedauert und ich bin gespannt ob es mir gelingt, euch diese Tina - mich wie ich bin - etwas näherzubringen. Und das werde ich wie immer recht ehrlich und ungeschminkt tun (Schminken kann ich sowieso erst seit ich Krebs habe, in Form von Augenbrauen nachmalen und so...).

 

Ich bin ein absoluter Familienmensch. Familie heißt für mich füreinander da zu sein, wenn man etwas braucht; auch mal zu streiten, aber dann auch wieder zueinander zu finden und immer auch miteinander zu lachen, zu weinen und zu feiern. Weil meine Eltern sehr jung waren als ich mich dazugesellt habe, verbrachte ich viel Zeit bei meinen Großeltern, hab erst mit fast zehn Jahren eine kleine Schwester bekommen und dann mit fast zwanzig einen kleinen Bruder (gleicher Papa, andere Mama). Bei uns als gut funktionierende Patchworkfamilie war immer viel los. Und all das Gute und auch Schlechte zu erzählen, würde zu lange dauern. Aber wichtig ist, das ich Höhen und Tiefen von klein auf kenne und immer einen Weg gefunden habe, das Beste aus allem zu machen.

 

Schon früh habe ich gelernt, dass auch Freunde zur Familie gehören, denn ganz ehrlich: Was wären die Menschen, die einen verstehen, mit denen das Leben leichter wird, denn anderes als gewählte Familie? Für mich sind es immer die Anderen, die durch ihre eigene Geschichte, durch gemeinsam verbrachte Zeit einen enormen Beitrag leisten, wenn es darum geht, gut durchs Leben zu kommen. Denn hey, Probleme gibt es in tausenden Farben und Facetten und jeder hat sie. Irgendwie suche ich mir den kniffligen Weg nicht aktiv aus, aber ich finde ihn fast immer wie ein Trüffelschwein. Aber wer im Training ist und gelernt hat sich mit den Stolpersteinen zu arrangieren, den haut so schnell nichts aus den Schuhen.

 

Um die Zeit bis zum heiß ersehnten Medizinstudiumplatz zu überbrücken, meinem vermeintlich absoluten Berufswunsch, begann ich als Zwischenlösung Biologie zu studieren. Um ein paar Semester später festzustellen, dass mir Wissenschaft echt liegt und das „Warum und Wie“ mir mehr unter den Nägeln brennt, als die tatsächliche Versorgung von Patienten. Das war für mich das erste große Beispiel, dass aus nicht perfekten oder schwierigen Situationen was richtig Gutes werden kann. Hauptsache, man geht stetig irgendwie nach vorn, bleibt quasi in Bewegung. Mit Humor und tollen Menschen an der Seite, geht das auch wirklich ganz gut. Oft habe ich nicht gemerkt, wie viel Energie mein Leben mich kostet, weil es immer irgendwie einen Ausgleich für alles gab.

 

Dann bekam mein Vater Brustkrebs. Kurz vor Weihnachten wurde er operiert, nachdem er ganz kurz mitteilte, was Sache ist (ich war noch 34, Schwester 25, Bruder 15 und Papa 54) und danach eigentlich nie wieder drüber sprechen wollte. Generell sollte damals niemand davon wissen. Wie ein Erdbeben für die ganze Familie und keine leichte Nummer. Aber Papa hatte auch die Möglichkeit, dass „heimlich“ zu erledigen. „NUR“ OP und Bestrahlung, plus adjuvante Antihormontherapie. Die Tamoxifen Therapie hat er allerdings aufgrund der Nebenwirkungen recht bald abgesetzt.

 

Bisschen mehr als drei Jahre danach, ertastete ich beim Duschen einen Knubbel in meiner rechten Brust, riesig groß. Weil ich ewig nicht beim Gynäkologen war (9 Jahre oder so), hatte ich absolute Panik und den Gedanken „Das ist Krebs und ich bin selbst schuld!“. Natürlich hatte ich keinen Gynäkologen zur Hand, der sich das zeitnah anschauen wollte. Aber ich fand eine Möglichkeit: eine Freundin meiner Schwester schleuste mich ins Brustzentrum ein, als dieses eigentlich schon geschlossen war. Aufatmen… glasklar eine Zyste, die Assistenzärztin bat mich aber trotzdem wiederzukommen, damit der Oberarzt nochmal gucken kann. Tja, das hat er gemacht, die Zyste ist immer eine Zyste geblieben, aber direkt daneben fand er eine recht dichte Stelle und beschloss mich zum MRT zu schicken, „für den ruhigen Nachtschlaf“.

 

So ein massives Glück; vier Wochen ohne Angst und im Glauben zu leben, dass der Oberarzt nur mal gründlich sein wollte, bis dann nach dem MRT die Worte kamen: „Den Radiologen gefällt da etwas nicht, wir machen eine MRT gesteuerte Biopsie und davor eine Mammographie!“.

 

Eine Woche später war auch mir nach Sichtung der Mammographien klar, dass es sich um den erkennbaren Mikrokalk in meiner rechten Brust, um Krebs handeln wird. Bestätigt wurde mir das dann am nächsten Tag direkt nach der Biopsie mit den Worten: „Stellen sie sich auf bösartig ein, aber da gibt es super Optionen!“. Zwei Tage später wurde ich dann spontan zum Oberarzt ins Brustzentrum bestellt; er wollte mich nicht das ganze Wochenende auf die Diagnose warten lassen. Der einzige Termin, bei dem ich jemals nicht alleine war. Meine kleine Schwester, selbst Ärztin, kam mit. Und das war für mich das Schlimmste – zu sehen, was das mit ihr macht. Danach habe ich immer alles alleine machen wollen, weil ich dann ungehemmt alle Fragen stellen kann, aber das funktioniert nicht für jeden so! Es ist auch nicht so, als hätte mir das keine Probleme gemacht. Aber Wissenschaftler stehen immer vor Problemen und dann geht es an die Lösung. Und dafür muss man/ich alles wissen, was es so zu wissen gibt.

 

Triple Positiv G3 multizentrisch, aber keine Metastasen, Lymphknoten negativ!

 

Natürlich war Chemo klar, Antikörper genauso und Mastektomie ebenfalls. Also kein Spaziergang, aber ich wusste, dass ich das packen werde, dass es „nur“ ein absehbarer Zeitraum sein wird und danach habe ich noch Zeit zu leben. Aber genauso klar war mir, dass ich das niemandem verheimlichen will und auch nicht kann!

 

Meine Freunde waren toll und immer für mich da, wir haben im Grunde zusammen das Beste aus allem gemacht und wir alle wuchsen irgendwie enger zusammen. Meine Familie genauso. Für meinen Papa war es eine extrem schwere Zeit – vor allem, weil alles auf erblich bedingt deutete. Und auch wenn es keine der bis dahin bekannten Mutationen ist – ich war und bin mir sicher, dass es bei uns einen erblichen Faktor gibt!

 

Papa hatte sein Lokalrezidiv mit nachfolgender Mastektomie kurz vor Ende meiner Herceptin-Zyklen. Selbst wenn ich mir immer darüber im klaren war, dass Krebs zurückkommen kann, war dies ein Schock, machte es doch dieses „Wiederkommen“ um einiges realer. Aber es läuft ja nie bei allen gleich und im Grunde weiß eben niemand, Was oder Wann etwas passiert. In den drei Jahren danach habe ich es geschafft mein Leben neu zu sortieren, wieder leistungsfähig im Job zu sein, irgendwann sogar zu vergessen vor Krebs Angst zu haben. Ich habe tolle Reisen unternommen und bei jeder ein großes Stück Leben zurückgewonnen.

 

Als ich mich dann endlich wirklich gesund fühlte, habe ich mich sogar getraut zu schauen, ob nicht doch jemand da draußen herum läuft, der gerne mit mir zusammen leben möchte. Und genau den habe ich getroffen, zwei Monate vor meinem Rezidiv mit Metastasen in der Leber, der Lunge und später Hirnmetastasen, als die in der Leber und Lunge gebändigt schienen. Na ja, aber wer möchte gerne eine Beziehung mit jemandem führen, der Unheilbar krank ist, der wegen Chemo ziemlich gerädert ist und wenn man sich gerade erst kennenlernt?! Tja, meiner ist einfach immer am Ball geblieben. Und so kommt es, dass ich jetzt gerade in unserer neuen Wohnung sitze und wir im Juni heiraten werden.

 

Meinen Hirnmetastasen scheinen diese Pläne zu gefallen, denn irgendwie werden sie jetzt sukzessive kleiner, was mich langsam daran glauben lässt, dass ich ganz vorsichtig doch auch wieder an etwas mehr Zeit glauben kann. Denn mit Diagnose der Hirnmetastasen war ich davon überzeugt, nicht mehr so viel Zeit zu haben. Deshalb hat mich Corona noch zusätzlich geärgert. Immer dieses Gefühl, die Zeit nicht so nutzen zu können wie man gerne würde, wie man auch müsste. Aber irgendwie habe ich auch das geschafft. Ich hab das Heimatland meines Partners bereisen und seine Familie kennenlernen dürfen, hab es geschafft ein Therapietief durchzuhalten und weiterhin fest an mögliche Wunder zu glauben.

 

Und naja, seit November bin ich in absoluter Plus-Zeit. Da lief mein „medianes Überleben“ ab. Und irgendwie will ich das jetzt sehen als geschenkte Zeit. Jeden einzelnen Tag seitdem. Nun ja, viele davon verschlafe ich, Corona oder Quarantäne bei Freunden, schränkt die Möglichkeiten deutlich ein und jetzt ist auch noch ein Krieg begonnen worden, bei dem keiner weiß, was die nächsten Wochen und Monate bringen werden. Aber ich glaube an das Gute im Menschen und dass wir das alles gemeinsam hinbekommen können. Niemals alleine, immer nur mit Zusammenhalt und Respekt. Na ja, und ich arbeite einfach weiter daran, für mich möglichst viel gute Zeit herauszuholen. Irgendwie ist da im November ein Knoten geplatzt und ich hoffe zwar weiter auf viel Zeit mit meinen Lieben, aber die Angst habe ich gerade gut im Griff. Denn eins weiß ich irgendwie ganz sicher, irgendwas von uns bleibt weit über unser Leben hinaus.

 

Gemeinsame Erinnerungen, lustige und traurige Geschichten und auch wenn das nicht sofort so sein wird, wenn es mich mal nicht mehr gibt. Ich hab da einen, der organisiert eine fette Party wenn ein wenig Zeit vergangen ist, damit all meine Menschen zusammen das Leben feiern können; meins und ihres. Denn ganz ehrlich, trotz Krebs und obwohl davor nicht immer alles easy peasy war – mein Leben und alles was darin passiert ist, war und ist gut und schön so. Ich glaube, daher rührt auch die Entspannung jetzt. Ich weiß, dass es so schon gut war und ist. Es kann also nur noch Streusel und Konfetti oben drauf geben.

 

Oh, das wurde lang! Sorry, aber vorher war die Geschichte einfach nicht komplett. Passt auf euch auf und sammelt fleißig besondere oder einfach schöne Momente.

 

Eure Tina


Via Instagram findet ihr Tina als: tintos1978


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Kommentare: 1
  • #1

    Ina (Dienstag, 17 Mai 2022 10:02)

    Danke, einfach nur Dankeschön





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