Arno Luik - Rauhnächte und die Erkenntnis, dass wir alle sterben müssen

19. September 2022

 

Spätestens heute soll ich, so hat es der Arzt versprochen, die Befunde der Gewebeproben bekommen, ob der Tumor gutartig ist oder nicht, ob man mich sofort operieren kann oder ob die quälende Abfolge weiterer Untersuchungen nötig ist.

 

Ich warte und warte.

 

Ein alter Freund sagte vorhin am Telefon, du klingst so fröhlich, man merkt deiner Stimme diese Diagnose nicht an. Es stimmt. Wenn ich mit Freunden oder Bekannten telefoniere, agiere ich wie ein altes Zirkuspferd, das sich in die Manege schleppt, aber dort, wenn der Applaus kommt, die vertrauten Gerüche in die Nüstern steigen, losgaloppiert wie ein junges Fohlen.

 

Vorhin hat ein Techniker angerufen, es ging um ein Kochfeld. Ich musste das Gespräch fast tränenerstickt abbrechen, konnte nur noch sagen: »Es tut mir leid, ich habe gerade keinen Kopf für Herde und Kochfelder, ich habe vergangene Woche die Diagnose …« Weiter kam ich nicht.

 

12 Uhr 15: Noch keine Meldung des Arztes.

 

Gestern im Fernsehen »Sounds of Silence«, ein Lied, das ich immer gern hörte. Plötzlich musste ich weglaufen, bei dieser Zeile:

 

»Fools« said I, »You do not know

Silence like a cancer grows«

 

Tausendmal diese Zeile »Silence like a cancer grows« mitgesungen, nie nix dabei gedacht. Aber nun habe ich diesen Krebs, diesen Feind in meinem Körper. Nun wirft mich der Song um, ich muss weglaufen, zum ersten Mal mit Tränen in den Augen.

 

Um 13 Uhr ruft der Arzt an. Gute Nachrichten. Schlechte Nachrichten. Die gute Nachricht: Wir haben den Krebs sehr früh erwischt. Die schlechte Nachricht: Es kann sein, dass der bösartige Krebs schon ausstrahlt – in die Leber.

 

Wenn ich nicht wüsste, dass ich krank bin, wäre ich gesund – so fühle ich mich.

 

Vor ein paar Tagen, vor meiner Diagnose, traf ich meine Hausärztin, sie sah traurig aus. Ein Bekannter von ihr war sehr krank, sie untersuchte ihn, konnte nichts feststellen, sie fragte ihn: »Hast du mal einen Covid-Test gemacht?« Er schüttelte den Kopf, sie machte einen Schnelltest mit ihm und, sagte sie, habe noch nie erlebt, dass ein Test so rasend schnell rot geworden ist. Sie gab ihm sofort eine Paxo … ah, mir fällt der Name gerade nicht ein, diese Tablette, für die Lauterbach wirbt. Fünf Tage danach: Hirnschlag, Todesgefahr, Intensivstation – aber er kommt durch. Meine Frage an sie: »Wie viele Covid-Tote hast du in deiner Praxis zu beklagen?« Sie: »In diesen zweieinhalb Covid-Jahren? Keinen.« Ich: »Was?!?« Sie: »Ja.« Sie hat, sagt sie, 15 000 Patienten in ihrer Kartei. Ich: »Wie viele Krebstote?« Sie: »Das weiß ich nicht. Es sind zu viele, Dutzende, viele Dutzend.«

 

Diese Zeilen stammen aus dem Buch „Rauhnächte“ des Bestseller-Autors Arno Luik – für ihn mit Abstand der wichtigste Text, den er in seinem Leben geschrieben hat. Ein Text, entstanden in einer Extremsituation, der, ja, auch deswegen anregt, das Selbstverständliche nicht als Selbstverständliches zu sehen.


Über den Autor

 

Arno Luik, geboren 1955, war Reporter für Geo und den Berliner Tagesspiegel, Chefredakteur der taz, Vizechef der Münchner Abendzeitung und langjähriger Autor der Zeitschrift Stern. Gespräche von „Deutschlands führendem Interviewer“ (taz, Peter Unfried) sind in mehr als 25 Sprachen übersetzt worden; für sein Gespräch mit Inge und Walter Jens wurde Luik 2008 als „Kulturjournalist des Jahres“ ausgezeichnet. Für seine Enthüllungen in Sachen Stuttgart 21 erhielt er den „Leuchtturm für besondere publizistische Leistungen“ des Netzwerks Recherche. Zuletzt erschienen von ihm bei Westend der Bestseller „Schaden in der Oberleitung - Das geplante Desaster der Deutschen Bahn“ (2019) und das Interview-Buch „Als die Mauer fiel, war ich in der Sauna - Gespräche über den Wahnsinn unserer Zeit“ (2022).

 

Nach seiner Krebsdiagnose im Spätsommer 2022, macht er das, was er noch nie tat: Er schreibt ein Tagebuch. Er notiert seine Innenansichten, den Schrecken, die Albträume, seine Sehnsucht nach Leben - aber plötzlich geht es um viel mehr als das persönliche Drame: um diese zerrissene, malträtierte Welt. Die so schön sein könnte, wenn die Regierenden nicht...

 

Sein Buch ist erhältlich über den Westend Verlag, erschienen am 03. April 2023.

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