Gemeinsame Entscheidungsfindung – warum wir jetzt handeln müssen

Gemeinsame Entscheidungsfindung oder Shared Decision Making (SDM) kann der entscheidende Baustein einer patientenzentrierten Arzt-Patientenkommunikation und -beziehung sein. SDM geht davon aus, dass Ärzt:innen und Patient:innen gemeinsam Entscheidungen über die anstehende Behandlung treffen. Dabei basiert SDM auf der Anerkennung, dass Patient:innen ein Recht auf Information, Autonomie und Mitspracherecht bei Entscheidungen über ihre Gesundheit haben.

 

Die besten Entscheidungen über eine Behandlung können dann getroffen werden, wenn Ärzt:innen und Patient:innen ihr Wissen, ihre Erfahrungen und ihre Präferenzen zusammenbringen. Es geht darum, dass Ärzt:innen den Patient:innen Informationen über ihre Diagnose, Behandlungsmöglichkeiten, Risiken und Nutzen verständlich vermitteln und die Patient:innen in den Entscheidungsprozess aktiv einbeziehen. Und es geht darum, eine informierte Entscheidung zu treffen, die sowohl medizinisch angemessen ist als auch den individuellen Bedürfnissen und Präferenzen der Patient:innen gerecht wird. Durch die gemeinsame Entscheidung und die damit einhergehende Gesundheitskompetenz der Patient:innen wird die Versorgungsqualität verbessert. Patient:innen bekommen die Therapie, die sie wirklich wollen und verstehen. Das führt zu einer höheren Therapietreue und damit in fast allen Fällen auch zu einer verbesserten Patientensicherheit.

 

Auch in der Krebstherapie ist die Einbeziehung von Patient:innen in Therapieentscheidungen unbedingt notwendig. Je nach Krankheitssituation stehen Patient:innen vor möglichen Therapieentscheidungen, die zum Beispiel mit unterschiedlichen Nebenwirkungsprofilen einhergehen können. Je nach Lebenssituation und individueller Präferenz können diese unterschiedlichen Nebenwirkungen sehr verschieden wahrgenommen werden. Zudem können sich die individuellen Therapieziele der Patient:innen in einer vergleichbaren Krankheitssituation sehr stark unterscheiden. Das gilt selbst für die Beurteilung grundsätzlicher Therapieziele. So ist es für die eine Patient:in durchaus sinnvoll, auch bei einem erneuten Rezidiv weiter alles für eine mögliche Heilung zu tun, während es für die andere sinnvoller erscheint, sich für die verbleibende Zeit des Lebens keiner Therapie mehr auszusetzen. Die Etablierung von SDM in der onkologischen Patient:innenversorgung stellt eine Möglichkeit dar, die Patient:innen stärker in die Therapieentscheidungsfindung mit einzubeziehen und so Therapieentscheidungen individueller zu gestalten.

 

Auch wenn diese Zusammenhänge eigentlich bekannt sind und die Notwendigkeit von allen Beteiligten im Gesundheitswesen bestätigt wird, zeigt ein Blick in die Realität der deutschen Versorgungslandschaft, dass SDM nur in verschwindend geringem Ausmaß praktiziert wurde und wird.

 

Das SHARE TO CARE Programm

 

Das von uns entwickelte Programm SHARE TO CARE zielt auf die Verbesserung der Arzt-Patienten- Beziehung durch den systematischen Einsatz von Shared Decision Making. Dabei sollen Patient:innen und die sie Behandelnden bei gesundheitlichen Entscheidungen zu einer gemeinsam verantworteten Übereinkunft über die angemessene Behandlung kommen.

 

Das SHARE TO CARE (S2C) Programm wurde zunächst in Norwegen an der Universität Tromso implementiert und zwischen 2017 und 2021 am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein (Campus Kiel) erstmalig in der Krankenhausversorgung eingeführt. Seit 2019 wird das S2C-Programm in Bremen und Bremerhaven für den hausärztlichen Bereich angepasst. 2022 startete ein weiteres Projekt in Bayern, bei dem 6 Universitätsklinika involviert sind.

 

Das SHARE TO CARE Programm umfasst vier Interventionen:

 

Training aller Ärztinnen und Ärzte (einer Klinik oder medizinischen Versorgungseinheit)

 

Ärzt:innen absolvieren ein SDM-Training, bestehend aus einem einstündigen Onlinetraining sowie zwei 120-minütigen Präsenztrainings. Dabei vermitteln speziell ausgebildete Trainer:innen die für SDM notwendige Haltung sowie die zugehörigen Fertigkeiten. Für eine Zertifizierung müssen in jeder Klinik (oder medizinischen Versorgungseinheit) mindestens 80% der klinisch tätigen Ärzt:innen das Training durchlaufen haben.

 

Einbindung aller Pflegekräfte

 

Nicht-ärztliche medizinische Fachkräfte können optional eine Schulung zum Decision Coach oder zur Entscheidungsbegleitung absolvieren. Als Decision Coach unterstützen sie die Patient:innen anhand einer Entscheidungshilfe zu einer spezifischen Fragestellung, die medizinischen Sachverhalte zu verstehen und die eigenen Präferenzen und Prioritäten klar benennen zu können. Als Entscheidungsbegleitung unterstützen sie die Patient:innen anhand einer allgemeinen (sog. generischen) Entscheidungshilfe, das eigene Vorwissen zu strukturieren, Fragen zu unklaren medizinischen Sachverhalten zu formulieren sowie ebenfalls die eigenen Vorlieben und Prioritäten klar benennen zu können. Obligatorisch werden alle Pflegekräfte in einer Basisschulung darin ausgebildet, wie sie in ihrem Alltag SDM unterstützen können. Für eine Zertifizierung müssen in jeder Klinik mindestens 80% der Pflegekräfte die Basisschulung durchlaufen haben.

 

Empowerment aller Patientinnen und Patienten

 

Patient:innen werden in jeder Klinik (oder medizinischen Versorgungseinheit) systematisch und flächendeckend medial angesprochen und motiviert, sich aktiv an ihren Therapieentscheidungen zu beteiligen. Kernintervention ist dabei der ASK3-Ansatz, mit dem Patient:innen ermuntert werden, im Entscheidungsgespräch folgende drei Fragen zu stellen:

  •  Welche Möglichkeiten habe ich? (inklusive Abwarten und Beobachten)
  • Was sind die Vorteile und Nachteile jeder dieser Möglichkeiten?
  • Wie wahrscheinlich ist es, dass diese Vorteile und Nachteile bei mir auftreten?

Verbindendes Element der Patientenansprache ist die Vermittlung durch Prof. Dr. Eckart von Hirschhausen in Form von Flyern, Aufstellern, Postern sowie Videoclips auf den Webseiten aller Kliniken und Monitore in Warteräumen, am Patientenbett etc.

 

Online-Entscheidungshilfen

 

In den Online-Entscheidungshilfen finden Patient:innen auf Grundlage aktueller wissenschaftlicher Erkenntnisse Informationen zu ihren Handlungsmöglichkeiten, veranschaulicht durch Infografiken, erklärende Filme von Ärzt:innen sowie Videos mit Patientenberichten. Derzeit liegen ca. 90 Entscheidungshilfen zu wichtigen Fragestellungen vor.

 

SHARE TO CARE plant, kontinuierlich weitere Entscheidungshilfen zu produzieren und diese allen Patient:innen im Rahmen entsprechender Kooperationen zur Verfügung zu stellen


Für weitere Informationen und zum Programm von SHARE TO CARE, schaut bitte direkt auf der Website vorbei: https://share-to-care.de

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