Wenn Nähe zu viel wird, oder: Über den stillen Verlust der „ambivalente Trauer“ heißt

Seit meiner Krebsdiagnose sind fast 16 Jahre vergangen. In dieser Zeit lernte ich viele Menschen kennen, die selbst an Krebs erkrankt sind oder überstanden haben. Aus manchen Begegnungen entwickelten sich Freundschaften. Einige davon lose, zeitlich begrenzt oder an soziale Medien & Netzwerke gebunden. Nicht weniger echt, als wie langjährige Freundschaften. Andere hingegen entwickelten sich zu intensiven Verbindungen und Freundschaften, die sich anfühl(t)en, als würden sie ein Leben lang tragen, so kurz oder lang unser Leben auch sein mag.

 

Bis zum Moment eines stillen Break, den niemand im Voraus als Abschied erkennt.
Keine Trennung.
Kein Streit.
Kein klares Ende.
Nur der leise Rückzug eines Menschen, der nicht mehr erreichbar ist.


Diese Form von Verlust entsteht oft dort, wo Krankheit, Trauma oder existenzielle Überforderung ins Spiel kommen. Viele nennen es Ghosting. Doch in Wahrheit ist es etwas anderes. Es löst einen tiefen Prozess einer ambivalenten Trauer aus. Ambivalent, weil sie unfassbar schwer zu greifen und zu verstehen ist.


In den sozialen Medien finden sich in unserer Krebsbubble viele Texte über Freundschaften, die mit der Diagnose zerbrochen sind, weil das Umfeld mit den Veränderungen einer Krebsdiagnose nicht zurecht kam. Aber über Freundschaften, die von an Krebs erkrankten Menschen innerhalb der Bubble beendet werden, liest sich nicht viel. Aber es gibt sie. Und sie tun manches mal nicht weniger weh. 


Was in dem verschwindenden oder ghostendem Menschen oft passiert


Viele Menschen, die schwer krank sind, können den Schmerz eines anderen nicht zusätzlich tragen. Nicht, weil sie dich nicht mögen. Sondern weil ihr eigenes inneres Nerven- und Schutzsystem am Limit ist. Zum ersten Mal ist eine solche Freundschaft zerbrochen, als eine Freundin jung an Brustkrebs erkrankte und ich selbst „noch“ als gesund galt. In ihrem Leben nach Krebs, zog sie sich von einem auf den anderen Tag zurück. Ihr Mann erzählte mir nach ihrem Tod, dass ich ihr emotional zu nahe war, eine Wahrhaftigkeit spiegelte, die für sie zu tief, zu nahe ging. Sie zudem das Gefühl hatte, dass meine Lebensrealität als pflegende Mom, einfach zu viel für sie war. Sie mir nicht helfen konnte – und das war für sie als Mensch, der sich gerne kümmerte – nicht tragbar, nicht aushaltbar.


Was mir den Abschied schwer machte

 

Sie ging still. Keine Reaktionen auf Anrufe, Textnachrichten oder Briefe. Kein Wort der Erklärung. Einfach nichts. Zurück blieb ein großer leerer Raum der Stille und das Gefühl des Fallen gelassen Werdens und großer Trauer.


Warum das so tief verletzt


Weil unser Bindungssystem keine halben Abschiede uns nahestehender Menschen verarbeiten kann. Wir suchen nach Erklärungen und finden sie oft in Selbstabwertung. In meinem Fall:


„Ich war nicht genug.“

„Konnte ihr als Freundin nicht geben, was sie gebraucht hätte."

 

Dabei fühlt es sich an wie ein Verlassenwerden und rührt an unsere tiefsten Bindungsschichten. Solch ein stiller Kontaktabbruch kann in uns Scham und Selbstzweifel auslösen, aber auch verhindern neue Freundschaften aufzubauen – denn es könnte ja erneut geschehen. Es löst aber auch eine stille Trauer aus, die niemand sieht, nur schwer zu greifen oder zu beschreiben ist. Denn die andere Person ist ja nicht verstorben, sie hat nur jeglichen Kontakt abgebrochen.


Derzeit passiert mir das gerade erneut. Dabei kann ich die Beweggründe oder den Auslöser sehr gut verstehen. Denn in schweren Krankheitsphasen verlieren manche Menschen oft nicht ihre Freunde, sondern ihre Fähigkeit, Bindungen zu regulieren oder aufrechtzuerhalten. Nicht weil der andere falsch ist, sondern weil das innere System am Limit ist, während alles darauf ausgerichtet ist, zu überleben. 


Und trotz allem Verständnis, tut der Rückzug zutiefst weh!
Denn ich weiß nicht, ist es ein Rückzug auf Zeit oder ein für immer?
Es gibt hier kein „Er/Sie konnte nicht anders, also ist es nicht schlimm“.
Es ist schlimm.
Es ist ein Verlust.
Und er darf betrauert werden wie ein echter Abschied oder Liebeskummer.


In dieser Trauerphase stecke ich ein Stück weit fest, Denn mir ist bewusst, dass es der sich zurückziehenden Person, alles andere als gut geht. Sie sich auf der einen Seite Nähe wünscht, diese andererseits nicht aushalten oder zulassen kann. Und je mehr Zeit vergeht, umso tiefer und dunkler werden die Abgründe oder das Aufeinander zugehen können. Aushalten und mich dabei in Akzeptanz üben, ist unfassbar schwer. 


Manch eine oder einer von euch wird ähnliche Erfahrungen gesammelt haben. Wird vielleicht auf der Suche nach Antworten sein. Ich kann dir nicht die eine Antwort oder Verhaltenskodex mit an die Hand geben, außer:


Das der Kontaktabbruch nichts über deinen Wert, dein Menschsein oder deine „Zumutbarkeit“ aussagt.

 

Er sagt sehr aus viel über:

  • Belastungsgrenzen
  • Angstregulation
  • und psychische Schutzmechanismen 

Aber nichts über dein Menschsein. Das, was du erlebst, ist eine Form von Verlust durch Angst, Krankheit und Überleben wollen. Und genau deshalb fühlt es sich so verwirrend, so schmerzhaft und so schwer greifbar an. Das schmerzt zutiefst. Aber es ist ein Schutzreflex des Menschen, der dir so wichtig ist und kein Urteil über eure Freundschaft.


Was für dich jetzt wichtig ist?


Sei dir deiner Gefühle bewusst. Du darfst traurig und verletzt sein. Du darfst die Person weiter lieben, vermissen und wütend auf sie sein, auch wenn sie schwer krank ist. Wir können nichts erzwingen. Wir können nur füreinander da sein, wenn es von beiden Seiten gewollt und tragbar ist.


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