Viele Menschen mit einer Krebserkrankung möchten aktiv etwas zur Stärkung tun. Dabei geht der Griff häufig zu Nahrungsergänzungsmittel mit Vitaminen und pflanzlichen Inhaltsstoffen. Das klingt erst einmal sinnvoll. Aber…
Auch vermeintlich „natürliche“ Produkte können Wechselwirkungen verursachen!
Deswegen soll dieser Artikel dir Orientierung geben und dafür sensibilisieren, einmal genauer hinzuschauen, bevor eine Reihe von Zusatzpräparaten bei dir Einzug hält.
Was bedeutet „Wechselwirkung“ überhaupt?
Medikamente werden vom Körper aufgenommen, verstoffwechselt und wieder ausgeschieden. Dazu gehören auch deine Krebsmedikamente wie die Chemotherapie, orale Krebsmedikamente, Immuntherapien und zielgerichtete Antikörper.
Kommen nun andere Stoffe hinzu, können diese auf den Stoffwechselweg der Medikamente einwirken. Es kann zu einer verminderten Wirksamkeit der Krebstherapie oder verstärkten Nebenwirkungen kommen.
In Bezug auf die lebenswichtige Krebstherapie ist es deshalb besonders wichtig, dass solche „Störfaktoren“ so gering wie möglich gehalten werden.
Je nach Therapieform unterscheiden sich die Wechselwirkungen
Die Chemotherapie wirkt auf schnell teilende Zellen und teils über oxidative Prozesse und Radikalbildung. Deshalb steht hier die Frage im Raum, ob Antioxidantien nicht nur gesunde Zellen schützen, sondern auch die Krebszellen vor der Chemotherapie.
Zielgerichtete Therapien, wie Antikörper und Kinasehemmer (sind eine Klasse zielgerichteter Medikamente, die spezifische Enzyme (Kinasen) blockieren, welche für das unkontrollierte Wachstum und Überleben von Krebszellen verantwortlich sind) besitzen sehr spezifische Wirkmechanismen. Vor allem die oralen Kinasehemmer werden in der Regel über CYP-Enzyme in Leber und Darm verstoffwechselt. Das macht sie besonders anfällig gegenüber anderen Stoffen, die auf diese CYP-Enzyme einwirken.
Immuntherapien mit Checkpointhemmern aktivieren das körpereigene Immunsystem, weshalb Wechselwirkungen mit Stoffen, die auf das Immunsystem einwirken relevanter zu betrachten sind.
Und bei der Antihormontherapie liegt ein besonderes Augenmerk auf Substanzen, die hormonähnliche Effekte haben. Dazu zählen z.B. Phytoöstrogene, da diese den Hormonstoffwechsel beeinflussen können.
Besonderheit: Krebstherapie in Form von Tabletten und Kapseln
Bei oralen Krebsmedikamenten gilt immer zu beachten, dass diese erst einmal durch den Magen-Darm-Trakt wandern und darüber aufgenommen werden. Im Vergleich dazu, „landet“ eine Infusion direkt im Blut.
Deshalb sind hier die genauen Einnahmehinweise (nüchtern oder mit einer Mahlzeit) im Blick zu behalten. Auch Magensäurehemmer, die den pH-Wert des Magens verändern, können die Aufnahme von anderen Tabletten teils stark beeinflussen.
Etwas konkreter - Klassiker mit hohem Risikopotenzial
- Grapefruit, egal ob als ganze Frucht oder Saft, hemmt das Enzym CYP 3A4. Dieses spielt bei der Verstoffwechselung vieler Medikamente eine wichtige Rolle. Durch die Enzymhemmung kann Grapefruit die Wirkstoffspiegel von anderen Medikamenten erhöhen und damit Nebenwirkungen verstärken. Das kann zu Therapieausfällen oder Dosisreduktionen führen. Dies betrifft nicht nur Grapefruit, sondern auch Pomelo und Bitterorange. Bitte auch beim Frühstücksbuffet Multisäfte eher meiden, wenn unklar ist, ob Grapefruit enthalten ist.
- Anders als Grapefruit verstärkt Johanniskraut die Wirkung des Enzym CYP 3A4. Dies beschleunigt den Abbau anderer Medikamente und kann deren Wirksamkeit deutlich reduzieren. Johanniskraut kann auch in Tees und „natürlichen“ Stimmungspräparaten enthalten sein. Bitte immer prüfen.
Klare Empfehlung!
Um auf der sicheren Seite zu sein: Grapefruit und Johanniskraut während der gesamten Zeit der Krebsbehandlung vermeiden! Alternativ eine genaue Prüfung durch pharmazeutisches Personal durchführen lassen.
Wie verhält es sich mit Antioxidantien?
Antioxidantien sind z.B. Vitamine wie A und Beta-Carotin, Vitamin E, hochdosiertes Vitamin C, Selen, Glutathion, alpha Liponsäure, Coenzym Q10 oder verschiedene sekundäre Pflanzenstoffe. Es ist zu unterscheiden zwischen direkten und indirekten Antioxidantien und selbstverständlich macht auch die Dosis des Stoffs einen Unterschied in seinem antioxidativen Potenzial.
Warum sie problematisch sein können? Weil einige Krebstherapien oxidative Prozesse für die Wirkung nutzen. Da stellt sich die Frage, ob Antioxidantien diese Wirkung abschwächen könnten. Vor allem hochdosierte direkte Antioxidantien können mit der Chemotherapie und auch der Strahlentherapie wechselwirken.
Klare Empfehlung!
Keine Hochdosis-Supplemente mit Antioxidantien ohne Prüfung mit der individuellen Krebsbehandlung und nur nach Rücksprache mit dem Behandlungsteam!
Pflanzlich, aber nicht harmlos: Phytopharmaka im Fokus
Hierbei ist zwischen arzneilich wirksame Pflanzen und hochdosierten Exkrakten und einem klassischen Kräutertee oder pflanzlicher Ernährung zu unterscheiden. Das ist übrigens bei den Antioxidantien auch so. Eingebettete Vitamine und sekundäre Pflanzenstoffe im ganzen Lebensmittel (v.a. Obst und Gemüse) sind hier herauszunehmen.
Die Besonderheit von spezifischen Pflanzenextrakten und hochdosierten Präparaten ist, dass diese auf verschiedene Enzyme und Transportproteine im Körper einwirken können. Sie können diese hemmen oder verstärken. Siehe Beispiel Johanniskraut und CYP 3A4.
Weitere Beispiele sind Ginkgo, Kurkuma (hochdosiert) oder auch Grüntee-Extrakte. Grüntee-Extrakt kann z.B. die Wirksamkeit des Zytostatikums Bortezomib stark vermindern. Je „wirksamer“ das pflanzliche Produkt ist, desto größer ist auch das Wechselwirkungspotenzial.
Klare Empfehlung!
Bitte immer prüfen und nicht eigenmächtig mit hochdosierten pflanzlichen Extrakten beginnen!
Qualität des Produkts
Nur noch ein kurzer Exkurs zur Qualität von Nahrungsergänzungsmitteln. Diese sind keine Arzneimittel und unterliegen weniger regulierten Zulassungskriterien.
Achte beim Kauf von Produkten auf die Anwesenheit von Prüfzertifikaten, die Auskunft über die Reinheit und den Wirkstoffgehalt geben. So kannst du größeren Wirkstoffschwankungen oder auch Schwermetallbelastungen entgegenwirken.
Eine schöne Verpackung bedeutet nicht, dass der Inhalt eine hohe Qualität hat. Bitte immer hinter die Fassade gucken.
Stell dir drei Fragen, um eine gute Entscheidung zu treffen
- Brauche ich das wirklich?
- Gibt es einen belegten Nutzen?
- Könnte es meine Therapie (negativ) beeinflussen?
Wenn du bei einer diesen Fragen nicht sicher bist, dann suche dir einen kompetenten Ansprechpartner, um dies gemeinsam zu prüfen. Frage z.B. in deiner onkologischen Schwerpunkt-Apotheke nach und lasse einen Wechselwirkungs-Check durch eine*n Apotheker*in durchführen.
Fazit:
- Natürlich bedeutet nicht nebenwirkungs- und wechelwirkungsfrei
- Die Prüfung auf Wechselwirkungen ist individuell auf deinen Medikationsplan und deine onkologische Therapie abgestimmt
- Die Anwendung von Zusatzprodukten bitte immer offen mit dem Behandlungsteam besprechen
Ich bin Anna-Lena Becker und Apothekerin mit onkologischem Schwerpunkt. In der MediosApotheke an der Charité in Berlin Mitte berate ich Menschen mit einer Krebserkrankung rund um die Medikamente
der onkologischen Therapie und unterstütze dabei informiert durch die Behandlungszeit zu gehen. Mein großes Interesse liegt in der integrativen Onkologie – also der ganzheitlichen und
wissenschaftlich fundierten Unterstützung bei Krebs. Der Wechselwirkungs-Check mit Nahrungsergänzungsmitteln ist dabei für mich als Pharmazeutin ein essentieller Bestandteil.
Mein Ziel ist es durch die Beratung Sicherheit zu geben. Und manchmal auch ein wenig Druck aus dem „Nahrungsergänzungsmittel-Plan“ zu nehmen. Denn all die Zusatzempfehlungen können verunsichern
und das Gefühl geben, dass man etwas verpasst, wenn man dieses oder jenes Mittel nicht einnimmt. Hier gilt in den allermeisten Fällen, dass weniger mehr ist.
Neugierig mehr zu erfahren?
Auf unserem YouTube Kanal Unterstützung bei Krebs der MediosApotheke findest du Videos zur Unterstützung bei Krebs. Informiere
dich auch gerne auf unserer Homepage FachApotheke
Onkologie oder schau auf unserem Instagramkanal MediosApotheke Berlin vorbei.