Wenn die Diagnose Brustkrebs gestellt wird, fühlen sich viele Frauen zunächst überwältigt von der Flut an Informationen und Entscheidungen, die sie treffen müssen. Standardtherapien geben Orientierung, doch manchmal bleibt die Frage: „Gibt es vielleicht noch weitere Möglichkeiten für mich?“
Klinische Studien können eine solche Möglichkeit sein. Sie eröffnen früh den Zugang zu neuen, verbesserten Therapien, sorgen für eine engmaschige Betreuung und geben Patientinnen die Möglichkeit, Forschung aktiv mitzugestalten – für sich und für andere. Doch wer sich als Laie auf die Suche nach einer passenden Studie macht, stößt schnell auf Hindernisse. Es gibt kein zentrales Register, in dem alle Brustkrebsstudien verzeichnet sind. Stattdessen findet man kompliziert aufgebaute deutsche, europäische und internationale Datenbanken, unverständliche Fachsprache – häufig auf Englisch – und wenig Orientierung und Klarheit.
Genau hier schließt mamazones Studienfinder eine Lücke: Er bietet einen umfassenden Überblick über derzeit mehr als 90 Brustkrebsstudien in Deutschland und informiert detailliert über die Ziele, Anforderungen, Teilnahmevoraussetzungen und den Ablauf der Studien in leicht verständlicher Sprache. In den Studienbibliotheken können Patientinnen gezielt nach Studien suchen, die für ihre spezifische Situation relevant sein könnten – sowohl bei früher als auch bei fortgeschrittener Erkrankung. Sie erfahren außerdem, welche Studienzentren die Studie anbieten und können sich bei Interesse selbst oder mit Unterstützung ihres Arztes an das passende Studienzentrum wenden.
Unser Ziel: Den Patientinnen den Zugang zu aktuellen Brustkrebsstudien zu vereinfachen und ihnen damit neue Behandlungschancen zu eröffnen – wir möchten Forschung und Versorgung näher zusammenbringen.
Was sind klinische Studien – und warum sind sie so wichtig?
Ohne klinische Studien gäbe es keine neuen Medikamente und diagnostische Verfahren, keine modernen Bestrahlungs- und Operationstechniken, keine zielgerichteten oder immunologischen Therapien. Jede heute etablierte Behandlung für Brustkrebs wurde zuvor in Studien erforscht und intensiv geprüft. Eine klinische Studie ist im Grunde ein medizinischer Testlauf, bei dem neue Medikamente oder Verfahren unter streng kontrollierten Bedingungen auf Wirksamkeit, Sicherheit und Verträglichkeit am Menschen untersucht werden.
Wichtig zu wissen:
- In Deutschland gelten sehr strenge gesetzliche, ethische und wissenschaftliche Vorgaben für klinische Studien.
- Mehrere Instanzen – Ethikkommission, Behörden, Ärzte und unabhängige Gremien – tragen gemeinsam dazu bei, dass die Rechte und die Sicherheit der Patienten gewährleistet sind.
- An erster Stelle steht immer die Sicherheit der Teilnehmenden.
- Die Teilnahme an einer klinischen Studie ist grundsätzlich freiwillig. Sie kann jederzeit widerrufen und beendet werden – ohne Angabe von Gründen und ohne Nachteile für die weitere Behandlung.
Wer kann an einer klinischen Studie teilnehmen?
Prinzipiell kann jede Patientin an einer klinischen Studie teilnehmen - Patientin und Studie müssen jedoch zueinander passen. Klinische Studien verlaufen nach klar definierten Vorgaben, die im Studienprotokoll festgelegt sind. Darin ist auch vorgegeben, welche Kriterien Patientinnen erfüllen müssen, um teilnehmen zu können. Diese sogenannten Ein- und Ausschlusskriterien – z.B. Tumortyp, Erkrankungsstadium, vorangegangene Behandlungen - sind notwendig, um die Studienergebnisse aussagekräftig zu machen und ungeeignete Teilnehmerinnen zum Schutz vor möglichen Schäden auszuschließen. Wer an einer Studie teilnimmt, kann selbst von einer neuen Behandlung profitieren, aber auch dazu beitragen, dass neue Medikamente und Verfahren schneller in die Versorgung gelangen und somit allen Patientinnen zur Verfügung stehen.
Studienteilnahme bedeutet nicht, Versuchskaninchen zu sein, sondern Teil des medizinischen Fortschritts.
Wer führt klinische Studien durch?
Klinische Studien werden von pharmazeutischen Unternehmen, klinischen Forschungseinrichtungen, Universitäten und anderen akademischen Institutionen durchgeführt. Auch staatliche Behörden, wissenschaftliche Netzwerke oder gemeinnützige Organisationen können Studien initiieren, finanzieren und begleiten, z.B. das DKFZ (Deutsches Krebsforschungszentrum), das NCT (Nationales Zentrum für Tumorerkrankungen) oder die GBG (German Breast Group).
Welche Arten von klinischen Studien gibt es?
Man unterscheidet grob zwei Arten von klinischen Studien: Bei interventionellen Studien greifen die Forschenden aktiv ein, z.B. durch die Gabe eines neuen Medikaments, einer Therapie, Operation oder Präventionsmaßnahme, um dessen Wirkung und Sicherheit zu testen. Bei Beobachtungsstudien wird der natürliche Verlauf beobachtet, ohne dass eine Behandlung erfolgt oder aktiv eingegriffen wird. Man untersucht lediglich Zusammenhänge, z. B. wie sich Krankheiten, Lebensstile, Medikamente oder Umweltfaktoren auf die Gesundheit auswirken. Ein Beispiel für eine Beobachtungsstudie ist die Registerstudie, bei der anonymisierte Patientendaten systematisch erfasst und ausgewertet werden, um z.B. Muster und mögliche Zusammenhänge im Krankheitsverlauf zu erkennen.
Phasen klinischer Studien – Schritt für Schritt
Bevor ein neues Medikament oder Verfahren in der Praxis eingesetzt werden darf, muss es mehrere Phasen klinischer Studien durchlaufen. Jede Phase hat ein eigenes Ziel und trägt dazu bei, dass am Ende nur wirksame und sichere Methoden und Therapien zugelassen werden.
Phase I: Sicherheit prüfen
In dieser frühen Phase wird ein neues Medikament erstmals an einer kleinen Gruppe von Freiwilligen (unter 100) getestet. In der Krebsforschung sind es in der Regel Patienten und Patientinnen mit weit fortgeschrittener Krebserkrankung. Sie erhalten dadurch früh Zugang zu neuen Therapien, wenn die Standardoptionen erschöpft sind. Hier geht es vor allem um die Frage: Ist der Wirkstoff sicher? Welche Dosis ist verträglich?
Phase II: Wirksamkeit unter die Lupe nehmen
Hat sich die Sicherheit bestätigt, wird der Wirkstoff an einer größeren Gruppe von mehreren Hundert Erkrankten getestet. Nun wird geprüft, wie effektiv er wirkt und wie er sich auf den Tumor auswirkt. Auch mögliche Nebenwirkungen werden genauer beobachtet.
Phase III: Vergleich mit der etablierten Standardtherapie
In dieser entscheidenden Phase nehmen oft mehrere Tausend Patienten und Patientinnen teil. Hier wird die neue Therapie direkt mit der bewährten Standardbehandlung verglichen. Erst wenn sie mindestens genauso wirksam oder besser ist, kann eine Zulassung beantragt werden.
Phase IV: Langzeitbeobachtung
Nach der Zulassung folgt die Nachbeobachtung im „realen Leben“ unter alltäglichen Bedingungen. Hier wird geprüft, wie sich die Therapie langfristig bewährt, ob eventuell seltene Nebenwirkungen auftreten oder ob sich das Medikament sinnvoll mit anderen Medikamenten kombinieren lässt. Oft nehmen an solchen Studien mehr als 10.000 Patienten und Patientinnen teil.
Diese schrittweise Prüfung sorgt dafür, dass neue Behandlungen bei ihrer Einführung gründlich erforscht und so sicher wie möglich sind.
Der mamazone Studienfinder – Was er bietet
Der Studienfinder „Studie-für-mich“ ist eine digitale Plattform, die Patientinnen mit Brustkrebs, Angehörige und Ärzte dabei unterstützt, gezielt nach passenden klinischen Studien in Deutschland zu suchen. Ziel ist es, den Betroffenen klare und verständliche Informationen bereitzustellen und ihnen den Zugang zu diesen Studien zu erleichtern. So können sie aktiv am eigenen Behandlungsprozess mitwirken und fundierte Entscheidungen treffen.
Erreichbar ist die Plattform über die Studien-Webseite www.studienfinder.mamazone.de oder über die mamazone-Webseite www.mamazone.de. Es ist keine Registrierung notwendig - der Studienfinder ist frei zugänglich, anonym und kostenlos nutzbar.
Aufbau des Studienfinders
Auf der Startseite wird ein kurzer Überblick über Ziele und Funktionsweise des Studienfinders gegeben. Die Studien sind in drei Studienbibliotheken „abgelegt“, die den drei häufigsten Brustkrebs-Typen entsprechen: HER2-positiv, HR-positiv und triple-negativ.
Über verschiedene Filter – z.B. Status der Studie, Art der Studie, Studienphase, Geschlecht – kann die Auswahl der Studien innerhalb der Bibliotheken gezielt eingegrenzt werden. Die Suchfunktion ist hilfreich, um einen bestimmten Studientitel zu finden. Aktuell enthält der Studienfinder über 120 Studien zu Brustkrebs in Deutschland – und es werden immer mehr.
Beim Anklicken der ausgewählten Studie öffnen sich alle wichtigen Informationen auf einen Blick:
- Hintergrundwissen zum Brustkrebs-Typ und seinen Standardbehandlungen,
- Beschreibung der Studie (Studientitel, Ablauf, Ziele, Teilnahmevoraussetzungen),
- farbiges Ablaufdiagramm zum besseren Verständnis,
- Fakten in Kürze,
- Studienbeginn, Status, Studienphase, Art der Studie, Teilnehmerzahl, Sponsor,
- interaktive Deutschlandkarte mit Sitz und Name der beteiligten Studienzentren,
- Registrierungsnummer der Studie (z.B. NCT-Nr.) und Link zur Originalquelle.
Was den Studienfinder auszeichnet, ist seine große Bandbreite: Er enthält nicht nur klinische Studien zu neuen Medikamenten und Therapien, sondern informiert auch über Forschungsprojekte aus den Bereichen Naturheilkunde und Integrative Medizin (z.B. OhrHit), Prävention (z.B. HerediCaRe), Versorgung (z.B. WAVES) und Nachsorge (z.B. SURVIVE).
Die Auswahl der Studien erfolgt - vollkommen unabhängig von Pharmaunternehmen – in enger Zusammenarbeit von mamazone und den Medizinern der TRICLI GmbH.
Gefördert und finanziell unterstützt wird das Projekt von der Techniker Krankenkasse (TK). So kann sich mamazone ganz auf das konzentrieren, was für Patientinnen wichtig ist:
eine vertrauenswürdige und unabhängige Aufklärung.
Im Moment ist eine direkte Kontaktaufnahme mit den Studienzentren über den Studienfinder noch nicht möglich, auch mamazone e.V. kann keine Studienteilnahme
vermitteln. Bei Interesse können sich die Patientinnen aber selbst oder mit Unterstützung ihres Behandlerteams an ein passendes Studienzentrum wenden.
Patientinnengeschichte von Elvira, der Autorin des Gastbeitrages
Mein Weg zur ILC-Registerstudie
2009 erhielt ich die Diagnose frühes lobuläres Mammakarzinom (ILC) – ein Subtyp, der nur bei etwa 10–15 % aller Brustkrebspatientinnen vorkommt. Damals gab es für mich keine passende klinische
Studie - Forschung zum lobulären Brustkrebs war kaum vorhanden.
Durch meine Mitarbeit an mamazones Studienfinder entdeckte ich die
ILC-Registerstudie der Charité Berlin - einer „Beobachtungsstudie zu genetischen
Eigenschaften von Tumorzellen in Brust und ggf. Metastasen bei invasiv lobulärem Brustkrebs (ILC)“. Die Kontaktaufnahme mit dem Studienzentrum und die Aufnahme in die Studie waren völlig
unkompliziert. Mein Tumormaterial wird nun molekulargenetisch untersucht und in einer großen Datenbank erfasst, die Forscherinnen und Forschern künftig wertvolle Einblicke geben soll, um das ILC
besser zu verstehen und Grundlagen für neue, gezielte Therapien zu schaffen.
„Es gibt mir ein gutes Gefühl, meinen Beitrag zu leisten – auch wenn es nur mein archiviertes Tumormaterial war. Ich weiß, dass damit Wissen für andere Frauen
entsteht.“
Elvira Bierdel-Willkommen
Fazit: Mut zur Information
Klinische Studien sind keine „letzte Hoffnung“. Sie sind eine zusätzliche Option, die Patientinnen mehr Selbstbestimmung und neue Chancen eröffnet. Der mamazone Studienfinder erleichtert den
Zugang zu diesen Möglichkeiten. Die Plattform stellt Studien klar, verständlich und aktuell dar und unterstützt dabei, sich einen Überblick zu verschaffen. Nutzen Sie die Chance, informieren Sie
sich und werden Sie selbst aktiv – werden Sie von der behandelten zur handelnden Patientin.