Longevity beschreibt das Ziel, die gesunden Lebensjahre eines Menschen zu verlängern. Im Mittelpunkt steht nicht allein ein möglichst hohes Lebensalter, sondern die Frage, wie Menschen möglichst lange körperlich und geistig gesund bleiben können. Bewegung, Ernährung, Schlaf, Stressreduktion, soziale Teilhabe, gesunde Lebensräume und Prävention gehören zu den Säulen, unter Einbezug einer modernen Diagnostik, individuellen Gesundheitsdaten und neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen. Eine Entwicklung mit großem Potenzial, die gleichzeitig wichtige Fragen aufwirft: Wer profitiert davon? Wer kann sich diese Möglichkeiten leisten? Und welche Lebensrealitäten werden dabei sichtbar oder übersehen?
Ich war neugierig auf das Thema „Gesundheit von morgen: Innovative Trends und neue Perspektiven auf unseren Gesundheitsalltag“. Ich wollte zuhören, verstehen, welche Chancen diese Entwicklungen für unsere Gesellschaft bieten und welche neuen Möglichkeiten sich daraus ergeben können. Doch im Verlauf der Diskussion entstand zunehmend der Eindruck, dass unterschiedliche Perspektiven aufeinandertrafen. Erst später erfuhr ich von den Gastgebern, dass die ursprüngliche Ausrichtung des Panels eine andere gewesen war. Vielleicht war genau diese unterschiedliche Erwartungshaltung ein Grund dafür, dass sich im Laufe des Gesprächs ein Spannungsfeld entwickelte, in dem verschiedene Lebensrealitäten aufeinander prallten.
Denn vor den Referierenden saßen keine Menschen, die sich fragten, wie sie gesund ein hohes Alter erreichen können. Im Publikum saßen chronisch kranke Menschen, Krebsbetroffene, deren Angehörige und Menschen mit Behinderung. Menschen, die aus eigener Erfahrung wissen, dass Gesundheit kein Lifestyle ist, sondern ein fragiles Gut, das einem Menschen von einem Tag auf den anderen genommen sein kann. Menschen, deren Alltag von Medikamenten, Therapien, Schmerzen, Arzt-, Klinikterminen und Unsicherheiten geprägt ist.
Als aus dem Publikum die berechtigten Einwände aufkamen, dass viel beworbene Nahrungsergänzungsmittel Nebenwirkungen und Wechselwirkungen verursachen können und nicht jede Empfehlung für jeden Menschen, vor allem unter Therapie geeignet oder für jeden einfach so abrufbar ist, wurde deutlich, wie unterschiedlich die Perspektiven auf Gesundheit sein können. Im weiteren Verlauf wurde von den Referenten ua. darauf hingewiesen, dass umfangreiche Blutanalysen zu Longevity, wie sie beispielsweise in der Schweiz angeboten werden, im Vergleich zu früher deutlich erschwinglicher geworden seien und je nach Tarif teilweise von den schweizer Krankenkassen übernommen werden.
Und doch bleibt die gesellschaftliche Frage:
Wer kann diese Möglichkeiten tatsächlich nutzen? Denn selbst wenn Zugangsmöglichkeiten günstiger werden, bleiben sie für viele Menschen verschlossen oder eine erhebliche finanzielle Hürde, noch dazu in der heutigen Zeit, mit den teils beängstigenden, politischen Veränderungen im Rahmen der Gesundheitspolitik in Deutschland, in der ein kranker Mensch zunehmend nur noch als Kostenfaktor betrachtet wird – und chronisch kranke Menschen ohnehin oftmals mit erheblichen finanziellen Einbußen in ihrem Alltag zu kämpfen haben.
Als anschließend von einem Referenten die Rückmeldung kam, dass wir nur über die finanziellen Kosten sprechen würden, obwohl es doch genügend Dinge gebe, die kostenfrei jedem zur Verfügung stehen, so wie guter Schlaf, gesunde Ernährung (möglichst ohne Fleisch – gutes Fleisch sei ja schließlich teuer) und Atmen, wurde es für mich schwierig. Der Zusatz lautete sinngemäß: „Atmen kann schließlich jeder.“
Wirklich jeder? Nein. Denn genau das stimmt nicht...
Menschen mit Lungenkrebs, Lungenmetastasen oder anderen schwerwiegenden Erkrankungen der Atemwege. Menschen mit Panikattacken. Kinder und Erwachsene, die aus den unterschiedlichsten gesundheitlichen Gründen dauerhaft beatmet werden oder schon nach wenigen Metern nach Luft ringen und auf Sauerstoff oder unterstützende Medikamente angewiesen sind.
Nicht selbstverständlich atmen zu können, löst Todesangst aus.
Vielleicht hat dieser Mensch auf der Bühne noch nie einem Menschen unter Atemnot beigestanden oder selbst verzweifelt nach Atem gerungen. Atmen! Für Menschen, deren Lebenstakt von einem Atemzug unter Not bestimmt wird, kann ein solcher Satz wie ein Schlag ins Gesicht wirken. Für mich war es einer…
Erst vor wenigen Tagen las ich erneut in einem Artikel, dass Menschen mit kognitiven Einschränkungen eine deutlich geringere Lebenserwartung haben. Nicht selten deshalb, weil schwerwiegende Erkrankungen spät erkannt werden oder Beschwerden nicht ausreichend früh wahrgenommen werden. Für Menschen wie meinen Sohn stellt sich zudem nicht als erstes die Frage, wie er möglichst lange gesund leben kann. Die viel grundlegendere Frage lautet: Hat mein Sohn überhaupt die Chance, älter zu werden? Und wenn ich noch so gut auf ihn aufpasse oder dafür sorge, dass er sich gesund ernährt, ausreichend schläft, seine Therapien erhält und zudem glücklich und zufrieden ist.
Als ich Kind war, erkrankte ich lebensbedrohlich an einem rheumatischen Fieber, mit einer Herzmuskelentzündung und Befall mehrerer Organe. Diese Erfahrung hat mein ganzes, späteres Leben geprägt. Mit meiner Krebserkrankung stand für mich zudem nicht die Frage im Raum: Werde ich ein hohes Alter erreichen? Meine Frage war viel grundlegender: Werde ich das nächste Jahr erleben? Die nächsten fünf? Weiter wagte ich kaum zu hoffen, weil die Vorstellung zu groß und zu beängstigend war, in naher Zukunft sterben zu müssen. Denn mir wurde als junger Mensch meine Endlichkeit in aller Deutlichkeit vor Augen geführt. Und was habe ich auf dem Weg für mehr Lebensqualität und Lebenszeit nicht alles auf mich genommen. Ich hab nach jedem Strohhalm gegriffen, der mir sinnig erschien und hab dabei so manchen unsinngen ergriffen.
Dasselbe sehe ich bei vielen aus der Community, die ich durch Brustkrebs und Krebs kennengelernt habe. Nach einer Krebsdiagnose beginnt häufig die verzweifelte Suche nach Rückerlangung eines verlorenen Selbstbildes und der alles entscheidenden Frage: Wie kann ich überleben? Viele von uns, auch ich, investieren teils enorme Summen für Linderung von Nebenwirkungen, versuchen ihr Leben zu optimieren oder nachhaltig zu verbessern. Oft verbunden mit einer tiefen Unsicherheit und der Frage: Was macht Sinn, was macht Unsinn? Aus Angst. Aus der Hoffnung heraus, Krebs nie wieder erleben zu müssen oder weil das alte Leben schlichtweg nicht mehr passte.
Ich wünsche mir mehr Sensibilität in der Longevity-Debatte. Prävention ist wichtig. Forschung ist wichtig. Ein gesunder Lebensstil ist wichtig. Daran besteht kein Zweifel. Aber all das darf nicht den Eindruck vermitteln, Gesundheit sei allein eine Frage der richtigen Entscheidungen oder finanzieller Möglichkeiten, weil ich mir Gesundheit leisten kann. Und es ist zudem unbestritten, dass die materielle Situation von Menschen Auswirkungen auf ihren Gesundheitszustand hat. Siehe Veröffentlichung RKI Armut und Gesundheit.
Vielleicht ist daher die eigentliche Frage, die wir uns stellen sollten:
Wie kommunizieren wir über Longevity? Oder sprechen wir über ein privilegiertes Ideal, ohne diejenigen mitzudenken, deren größte Hoffnung nicht ein gesundes Leben bis ins hohe Alter ist, sondern die nächste Nachsorge ohne Metastasen, die nächste Untersuchung ohne weiteren Progress oder einfach ein Alltag mit weniger Schmerzen und mehr Lebensqualität?
Und wie können Armut bekämpft und Zugänge zu einem gesunden Leben möglichst vielen Menschen ermöglicht werden? Hierzu gehören auch eine frühe Bildung im Kindergarten, in den Schulen und Familien.
Ein langes und gesundes Leben bis ins hohe Alter hinein, ist ein schönes Ziel. Wirklich...
Doch bevor wir darüber sprechen, wie wir unser Leben verlängern können, sollten wir dafür sorgen, dass alle Menschen die gleiche Chance auf Gesundheit, gute Versorgung und Würde auf den unterschiedlichsten Stationen ihres Lebens erhalten. Denn Gesundheit ist kein rein persönlicher Verdienst. Und Krankheit ist kein individuelles Versagen. Sie sind Teilaspekte des Lebens. Für manche früher, für manche später. Für viele aus unserer Community leider viel früher, als wir es uns je hätten vorstellen können.
Vielleicht beginnt Longevity nicht dort, wo wir lernen, länger zu leben. Sondern dort, wo wir endlich verstehen, dass nicht jeder Mensch dieselbe Chance hat, gesund geboren oder gesund alt zu werden. Denn am Ende zählt nicht einzig und allein, wie viele Jahre ein Mensch lebt. Es zählt, wie viel erfülltes Leben in seinen Jahren verborgen liegt.