Taij als Unterstützung bei Brustkrebs

Als mein medizinisches Therapiezentrum im Oktober 2016 einen Taiji-Schnupperkurs anbot, habe ich nicht lange gezögert und mich angemeldet: schon immer hatten mich die Menschen fasziniert, die draussen, allein oder in der Gruppe, ihre Formen liefen, ganz ruhig, ästhetisch und in sich ruhend.

 

Ausserdem musste ich dringend etwas gegen den Stress bei der Arbeit tun, der sich wie eine drohende Welle vor mir aufgetürmt hatte und über mich zusammenzuschlagen drohte.

Dass die Welle schon längst über mich zusammengebrochen war, habe ich im Februar 2017 erfahren. Ich war nicht nur gestresst, erschöpft und müde, ich hatte Brustkrebs. Beidseitig.

 

Ich hatte Glück und bin seit der OP im März 2017 gesund (wenn auch noch nicht offiziell geheilt). *Anmerkung: Link zum Gastartikel

 

Der Taiji-Schnupperkurs ist längst passé, aber dem Taiji und meinem Lehrer bin ich treu geblieben. Ein- bis zweimal die Woche trainieren wir zusammen in der Klasse, die aus langjährigen Schülern besteht und mich in ihrer Mitte aufgenommen hat. Und das wortwörtlich: als Anfänger brauchte ich im ersten Jahr immer jemanden im Blickfeld, um die Form, die wir laufen, zumindest zu imitieren, und da man sich dabei in alle Richtungen bewegt, ist der Mittelplatz für einen Anfänger am besten.

 

Taiji ist die älteste Kampfsportart und kommt aus China. Als Kampfsport wird es in Deutschland nicht unterrichtet; hier liegt der Fokus auf den meditativen Bewegungen, die innere und äußere Balance bringen: Eine Studie (Quelle: Journal of Clinical Oncology) belegt, dass Schlafstörungen von Brustkrebspatientinnen durch Taiji gelindert werden. Körper und Geist werde in Einklang gebracht; Taiji wirkt sich positiv auf die Psyche und auf alle vegetativen Funktionen des Körpers aus, hilft beim Stressabbau und kräftigt die Bewegungsabläufe (Quelle: Lifeline/Das Gesundheitsportal).

 

Und es stimmt: auch während der Strahlentherapie bin ich - soweit es mir möglich war - zum Unterricht gegangen, der mich körperlich und geistig belebt hat.

 

Ich muss zugeben, dass ich Taiji anfangs unterschätzt habe: es ist physisch und auch intellektuell anspruchsvoll. Vor allem in meinen Anfängen inmitten der Expertenklasse war ich oft überfordert. Es braucht einen sehr guten Lehrer und Durchhaltevermögen. Und das Durchhalten lohnt sich. Mit jedem Training vertieft sich das Wissen, werden die Abläufe präziser, sinkt man tiefer in sich.

 

Es gibt viele Arten und Formen von Taiji: ich trainiere den Chen-Stil: die 19-er Form, die stehende Säule, die Seidenübungen.

 

Das regelmässige Training hilft mir, den Stress zu bewältigen und zur Ruhe zu kommen; gleichzeitig stärkt es die Konzentration und Achtsamkeit, um sich im Hier und Jetzt zu verankern.

 

Im Spätsommer werde ich erstmals an einem einwöchigen Trainingscamp teilnehmen, um nachhaltige Veränderungen zu bewirken. Oder um es mit den Worten des Sifus Adam Mizner zu sagen:

 

Taiji is not something we do. It is something we become.



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