Carina stellt sich die Frage: Welche Art Gastgeber möchtest du sein, wenn der Tod an deine Tür klopft?

Wir alle denken so oft, dass wir ewig Leben würden. Das der Tod nur etwas für alte Menschen wäre und wir, die Mitten im Leben stehen, sich nicht mit ihm beschäftigen müssten.

 

Doch dann, urplötzlich, klingelt es an deiner Haustür. Und du öffnest die Tür deines Hauses, was du in mühevoller Eigenleistung für deine kleine Familie gebaut hast und da steht er. In seiner vollen Größe, mit einer Präsenz, die dich vor Erfurcht fasst erstarren lässt. Dann atmest du tief durch und erinnerst dich, das er es war, der an deine Haustür klopfte. Er hat dich und deine Familie aufgesucht und nun musst du dir die Frage stellen: Welche Art Gastgeber möchtest du sein?

 

Bei uns klingelte es das erste Mal im Oktober 2019. Mein Mann Tobias teilte im Frühjahr 2020 hier in dem Blog von Nicole seine Sicht auf diesen unerwarteten Besuch. Als ihre Anfrage kam, ob ich mir vorstellen könnte, darüber zu berichten, wie es aus der Perspektive einer nahen Angehörigen sei, da musste ich nicht lange nachdenken. Denn Angehörige sind im Allgemeinen der wichtigste Ankerpunkt für Erkrankte. Und wenn meine Sicht auf das Durchlebte weiteren Familien und Bezugspersonen hilft, dann teile ich dies sehr gerne offen und ohne Rezession.

 

Als mein Mann im Oktober 2019 mitten in der Nacht an meiner Bettseite stand und sich vor Schmerzen krümmte, da wusste ich sofort, dass dies kein gutes Zeichen war. Mein Mann, der immer vor Gesundheit strotze und mir immer eine Stütze war, tippe mich leicht an und bat mich, ihn ins Krankenhaus zu bringen. Sofort beginnt ein Film vor deinem geistigen Auge abzulaufen und intuitiv handelst du so, wie es von dir verlangt wird. Unsere damals 10-Jährige Tochter schlief tief und fest in ihrem Zimmer nebenan und ich musste erst einmal meine Mutter mobilisieren, dass sie zu uns kam, damit Josephine nicht am Morgen alleine aufwachte. Auch wenn uns in diesem Moment nicht bewusst war, was auf uns zukommen wird, woher die Schmerzen und das Blut kamen, so wusste ich doch, dass es Stunden, sogar Tage der Abklärung brauchen wird.

 

Als wir schließlich mit ein paar gepackten Sachen im Auto saßen und Richtung Notaufnahme fuhren und die Schmerzen meines Mannes immer schlimmer wurden, bereute ich es, keinen Rettungswagen gerufen zu haben. Zum Glück war in der Klinik nicht viel los, sodass wir direkt in ein Behandlungszimmer geschickt wurden. Ich konnte immer an seiner Seite bleiben, was mich irgendwie beruhigte. Nach den standardisierten Untersuchungen folgen spezifische Untersuchungen und es dauerte nicht lange, bis man uns über die weitere Vorgehensweise informierte. Ich sollte mit einer stationären Aufnahme recht behalten und als mein Mann in den Morgenstunden für eine Magenspiegelung vorbereitet wurde, schickte ich den ersten Lagebericht nach Hause zu unseren Verwandten. Rückblickend verlief der Tag in Sekunden, doch die Erschöpfung dieses Tages spüre ich noch heute in meinen Zellen, wenn ich daran zurückdenke. Da das Ergebnis der Magenspiegelung nicht das Ergebnis brachte, setze man für den Folgetag eine Darmspiegelung an.

 

Ich stand zu diesem Zeitpunkt noch voll im Berufsleben. Erst im Juli 2014 hatte ich mein erstes eigenes Unternehmen gegründet. Ich trug die Verantwortung für fast 50 Mitarbeiterinnen, zudem für eine kleine Tochter zuhause und nun die gesundheitliche Lage meines Mannes.

In meinem Buch, welches ich über die Erlebnisse meines Lebens geschrieben habe, setze ich mich mit der Frage auseinander, hätte ich dieses Unglück kommen sehen müssen? Hätte ich den Tod, der so pedantisch an unserer Tür klingelte, nicht öffnen können? Ich weiß, dass ich eine Ahnung hatte, ich konnte sie bloß nicht in diesen Zusammenhang bringen. Hätte ich es nämlich geahnt, ich wäre in den Keller gegangen, hätte meine Ritterrüstung aus der Truhe hervorgeholt und mich bereit gemacht. Aber so funktioniert das Leben nicht. Das ist mir spätestens in dem Moment bewusst geworden, als die Ergebnisse der Darmspiegelung vorlagen und der Augenblick, als der Arzt das Wort Tumor aus seinem Mund zu einem Wort formte, spätestens da wusste ich, keine Ritterrüstung hätte mich vor diesem Schmerz, den mein Herz in diesem Moment fühlte, schützen können. Ich fühlte mich von ein auf die andere Sekunde, als wäre ich wieder ein kleines Mädchen und meine Eltern würden gleich zur Tür rein kommen und die Situation wieder in Ordnung bringen. Doch es kam niemand. Ich war nun die Erwachsene und ich musste mit meinem Mann da durch, ob ich wollte oder nicht. Im Gegensatz zu meinem Mann, der einfach nur still wurde, verlor ich kurzerhand die Fassung und heulte hemmungslos. Ich konnte nicht aufhören zu schluchzen, bis der erste Schock vorüber war und die Hoffnung sich ganz langsam in mir breit machte, dass vielleicht doch alles gar nicht schlimm war, wie es sich anhörte.

 

Mein Mann und ich, wo wir uns sonst immer so viel zu sagen hatten, konnten nicht anders als zu schweigen. Jeder in seinem Schmerz gefangen, sagte keiner von uns ein Wort, bis die Tür aufging und die Ärzte uns nun über die weitere Vorgehensweise aufklärten. Ich durfte meinen Mann an diesem Freitag über das Wochenende noch einmal mit nach Hause nehmen. Luft holen, sacken lassen, sammeln und das Schlimmste erledigen, was Eltern zu tun hatten. Wir mussten es unserer Tochter sagen.

 

Heute, gut 15 Monate nach diesem Schicksalsschlag, hat sich alles verändert, was sich nur verändern konnte. Die Zeit der akuten Erkrankung zog sich gut drei Monate. In der ersten Operation konnte man großflächig den Krebs bezwingen, bis es dann zu einer Notoperation kam und das Leben meines Mannes am seidenen Faden hing.

Diesen Sonntag werde ich in meinem ganzen Leben nicht vergessen. Mein Mann war schon gut drei Wochen in der Klinik und ich besuchte ihn jeden Tag. Neben meiner Stellung als Geschäftsführerin und dem Muttersein, baute ich die Besuche noch in meinen Alltag ein. Es wurde, auch wenn sich das nun hart anhört, zur Routine. Den Weg ins Krankenhaus, fand ich im Schlaf. Ich brachte frische Wäsche mit und nahm die getragene wieder mit nach Hause. Man kommt in den Funktionsmodus und neben den eigenen Ängsten, bleibt kaum Zeit zum Durchatmen. Ich freute mich, wenn es einen Tag bergauf ging und sich der Gesundheitszustand meines Mannes verbesserte, doch am nächsten Tag ging es zwei Schritte zurück. Zum großen Glück konnten mein Mann und ich sehr offen über das Thema Vorsorge und Tod sprechen. Wir füllten alle Unterlagen aus und besprachen sogar seine Beerdigungswünsche. Als ich eines Tages so an seinem Bett saß und er schlief, fragte ich mich, ob das Leben es so für mich vorgesehen hatte? Sollte ich wirklich mit 33 Jahren meinen Mann verlieren, mit dem ich noch so viel vor hatte und würde es jemals wieder einen Mann geben, den ich so lieben könnte? All diese Fragen kommen, wenn man an einem Krankenbett mit offenem Ende sitzt.

 

Ich konnte es nicht akzeptieren. Schon gar nicht, als es zu der schicksalhaften Notoperation kam und ich nach Stunden in den Nachthimmel vor der Klinik schaute. Ich war so verzweifelt und hatte niemals in meinem Leben solch eine Angst. Und es ist nicht so, dass ich nicht auch schon schlimme Dinge erlebt hätte. Durch meine zwei Herzstillstände und Herzschrittmacher weiß ich, was es beutetet auf der Schwelle zum Tod zu stehen. Doch das war anders. Es ging nicht um mich, es ging um den Mann an meiner Seite. Und ich war felsenfest davon überzeugt, dem Universum einen Deal anbieten zu können. Ich war in diesem Moment bereit, alles, was in meinem Besitz war (Haus, Auto, Boot, Firma) herzugeben, wenn mir dafür das Leben meinen Mannes bleibt.

 

Dieser Moment der tiefsten Angst, der hat in unserem heutigen Leben alles verändert. Ich hatte, was meinen Tod angeht, sowieso schon lange keine Angst mehr, was aus meiner Nahtoderfahrung rührt. Aber nun sollte der Zeitpunkt gekommen sein, wo ich auch keine Angst mehr vor dem Leben haben werde. Die Zeit der Erkrankung meines Mannes war das intensivste, deprimierendste und richtungsweisendste Erlebnis meines ganzen bisherigen Lebens und ich bin jeden Tag dankbar dafür, dass ich neben dem Menschen, den ich liebe, aufwachen darf.

Wir wissen nicht was kommt, derzeit sieht alles sehr gut aus und die regelmäßigen Kontrollen sind zwar immer eine Anspannung, aber sie gehören zu unserem Leben. Genauso wie die große Veränderung, die wir beide nach der Zeit getroffen haben. Wir haben erkannt, dass Zeit niemals selbstverständlich ist. Das es für uns nicht weiter möglich ist, sie mit Dingen zu vergeuden, die nichts mit dem Auftrag unserer Seele zu tun haben. So haben wir beide einen Schnitt in unserem alten Leben gemacht. Ich wahrscheinlich noch mehr als mein Mann. Aber auch er hat einen Neuanfang gewagt. Wir hatten nichts zu verlieren und stürzten uns voller Mut in neue Lebensabenteuer. Haben wir das ein einziges Mal bereut? Niemals. Denn eins ist sicher. Was kann nun noch passieren, was unsere tiefe Liebe und unsere Verbindung zu einander nicht schaffen könnte?

 

Manchmal, in den unbeobachteten Momenten, schaue ich zu meinem Mann und frage mich, wie kann man jemals diese Dankbarkeit in Worte fassen, dass uns doch noch gemeinsame Zeit bleibt. Und dann nehme ich meine Hand und lege sie in seine warme, mit Leben gefüllte Hand und der innere Frieden macht sich in meiner Seele breit. Dieses Gefühl ist mit keinem Geld der Welt zu bezahlen.

 

Manchmal hat das Schlimmste auch etwas Gutes. Sicher hätte ich Nicole nie kennen gelernt und hätte die Möglichkeit bekommen, diese starke Frau auch als Vorbild für uns Frauen zu sehen. Ich danke dir von ganzen Herzen, dass du als Aktivistin nie müde wirst. Und wenn du es einmal bist, doch wieder eine Motivationsquelle findest, weiter zu machen. Und ich danke dir, das du mir die Möglichkeit gegeben hast, meine Sicht der Dinge zu schildern und ich hoffe sehr, dass diese auch anderen Angehörigen helfen kann mit dem tiefen Schmerz ein wenig in Versöhnung zu kommen. In einem Film hieß es einmal: "Gott hasst uns nicht! Würde er uns hassen, hätte er uns nicht so tapfer gemacht“. Ich liebe dieses Zitat, auch wenn man nicht gläubig ist. Denn es stimmt. Der Mensch ist tapfer und er leistet so viel mehr, als er sich selbst zugestehen will.

 

Ich wünsche allen Kämpferinnen und Kämpfern da draußen den Mut, ihre eigenen Wege zu gehen. Und das Leben in Achtsamkeit zu leben.

 

Alles Liebe von Herzen

Carina


Carina Hilfenhaus - Pflegewissenschaftlerin B. Sc

 

Mehr von Carina und ihrem spannenden Weg als Botschafterin der Barmer, der Deutschen Herzstiftung und der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie, erfahrt ihr auf Carinas Instagram Account Carina Hilfenhaus.


Liebe Carina,

 

von ganzem Herzen gerne <3, Nicole


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Kommentare: 1
  • #1

    Tina Grawert (Dienstag, 16 Februar 2021 19:01)

    Mir laufen die Tränen! So schön geschrieben. Ich wünsche Euch noch viel Zeit miteinander. Liebe Grüße Tina

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