Eli

Meine Geschichte aufzuschreiben, fällt mir nicht schwer. Ich schreibe gerne, ich erzähle gerne… Gleichzeitig frage ich mich, welchen Mehrwert meine Krebs-Geschichte hat? Oder geht es gar nicht um den Mehrwert, sondern vielmehr um das Sichtbar-machen, das Angstthema Krebs zu beleuchten? Vielleicht schreibe ich auch deshalb diesen Text, um eine Antwort auf diese Fragen zu finden.

 

Natürlich erinnere ich meine Brustkrebs-Diagnose im November 2019 noch sehr genau. Der Punkt in meinem Leben, von dem an es ein «davor» und ein «danach» gibt. Der Punkt, an dem sich die Welt weiterdrehte, aber ich stehenblieb und nicht mehr mitkam. Mit der Diagnose kam die Erkenntnis, dass ungefähr jede achte Frau an Brustkrebs erkrankt. Also müsste ich doch auch welche kennen. Nach und nach fielen sie mir alle ein: Die Nachbarin, die Mamas von Freund:innen, entfernte Bekannte… Aber alle waren bei der Diagnose viel älter als ich mit 31 Jahren. Wie gerne hätte ich mit der Diagnosestellung jemanden gehabt, der mir sagt: «Deine Geschichte ist Individuell, aber es gibt Frauen, die genauso alt sind wie du bei der Diagnose, die sich mit den gleichen Themen auseinandersetzen müssen.» Die Erkenntnis darüber erlangte ich erst ca. 2 Monate nach meiner Diagnose. Ich hörte den Brustkrebs-Podcast 2 Frauen, 2 Brüste und musste direkt bei der ersten Folge weinen. Zu sehr berührte es mich zu hören, dass es Frauen in der gleichen Lebenslage gibt, die auch noch ähnliche Gedanken wie ich haben.

 

Ich beschloss, mich bei Instagram anzumelden. Zum Einen wollte ich meine Familie und Freund:innen auf dem Laufenden halten. Zum Anderen merkte ich schnell, dass es dort eine richtige Brustkrebs-Community gibt. Erschreckend, da so viele, und doch mutmachend, unterstützend, Rat gebend,… So oft sehe ich Posts von Mitstreiterinnen und bin dankbar zu merken: Ich bin nicht allein. Anderen geht es auch so.

 

Im Dezember 2019 begann ich meine Chemotherapie, um das Östrogen-positive, her2-negative Mammakarzinom loszuwerden und marschierte (das kann ich in der Retrospektive durchaus sagen) durch alle Behandlungsschritte. Ich traf in aller Kürze eine wohl überlegte Entscheidung eines zukünftigen Kinderwunsches. Sprach mit allen Freund:innen und der Familie von Anfang an sehr offen. Die Chemotherapie haute mich nicht um. Ich sah immer das Licht am Ende des Tunnels. Immer war für mich klar, dass das, was ich gerade erlebe, bald ein Ende haben wird und 2020 das Jahr wird, in dem ich gesund werde. «Frau B., wir machen Sie jetzt gesund!», waren die Worte meines Arztes bei der Diagnose. Dieser Satz wurde mein Mantra, mein Licht, meine Zuversicht.

 

Nach Beendigung meiner Chemotherapie, einer beidseitigen Mastektomie mit Sofortaufbau und der Bestrahlung Ende Juli 2020, wartete ich auf das Gefühl der Freiheit, des Gesundseins. Zu Beginn meiner Diagnose war mir nicht bewusst, dass meine Erkrankung nicht nur körperliche Veränderungen mit sich bringt. Immer wieder las ich von den Geschichten der Frauen, die ihr Leben nach der Diagnose umkrempelten, die einen Neuanfang wagten oder sich wie neugeboren fühlten. Ich sah mich nicht in dieser Rolle. Ich fiel in ein Loch und merkte, dass mich niemand darauf vorbereitet hatte, dass der schwerste Teil der Therapie der ist, wieder zu genesen, wenn die klinischen Behandlungen abgeschlossen sind. Also genau dann, wenn alle um einen herum denken, du seist wieder gesund. Zu dem Zeitpunkt realisierte ich das erste Mal, was in den vergangenen 9 Monaten wirklich geschehen war, was ich geschafft hatte und durch was ich durch gegangen bin. Und ich merkte, dass es für mein nahes Umfeld wahnsinnig schwierig ist, zu verstehen, dass ich noch nicht genesen bin, obwohl die Therapien abgeschlossen sind, ich als gesund entlassen wurde.

 

Erneut half mir der Austausch mit Gleichgesinnten und etwas wunderschönes entwickelte sich: Ich traf auf Frauen, die mehr für mich wurden als Leidensgenossinnen. Es entwickelte sich mehr als Sympathie, sondern das warme Gefühl, Freundinnen gefunden zu haben. Tatsächlich beruhigte mich das sehr. War es doch ein Zeichen, dass ich in der Anonymität des Internets, zwar durchaus Solidarität und Mitgefühl für Gleichgesinnte hatte, aber dennoch differenzierte Beziehungen aufbauen konnte, die nicht alle einfach in den Topf Brustkrebs- Erkrankte fielen. Diese Erkenntnis, Freundinnen gefunden zu haben, hätte mich nicht passender treffen können. Fast zeitgleich erhielt ich die Diagnose eines Rezidivs. 3 Monate nach Bestrahlungsende, im Oktober 2020. Dieses Mal fiel ich sehr viel tiefer als bei meiner Erstdiagnose. Die Naivität und Unwissenheit, die mich 2019 umgab, war ein schützender Mantel, der nun nicht mehr zur Verfügung stand. In einem Jahr Krebstherapie lernst du so viel. Ein Schnellkurs in Onkologie quasi. Mit der Rezidivdiagnose fiel all dieses Wissen auf mich ein. Das Staging und das Warten auf die Befunde war die schrecklichste Zeit meines Lebens, denn dieses Mal wusste ich sehr genau, welchen Unterschied es zwischen Metastasen ja oder nein gibt.

 

Aktuell befinde ich mich also wieder in Behandlung, die leider nicht mehr nach einem vorgeschriebenem Schema abläuft, wie ich es aus meiner ersten Therapie kenne. Es ist ein rumprobieren, um die Therapie zu finden, die wirkt, immer auf der Gratwanderung, dass das Rezidiv voranschreitet und Metastasen auftauchen. Meine Angst, aus diesem Hamsterrad der Krebstherapie nicht mehr raus zu kommen, ist sehr groß. Gleichzeitig merke ich, dass, so schwer ich meine Situation empfinde, es möglich ist, mit dem Krebs zu leben, zu lachen, Glück und Freude zu empfinden und zu teilen. Es ist nicht alles grau und ich merke deutlich, dass Humor auch die schwersten Momente etwas leichter machen kann.

 

Die letzten 18 Monate waren wahnsinnig intensiv. Es wäre gelogen zu behaupten, dass mich das nicht verändert, dass sich mein Blick auf Alltägliches und Außergewöhnliches nicht verschoben hätte. Es haben sich Themen für mich heraus kristallisiert, die mir wichtiger geworden sind und ich merke, dass ich versuche mehr auf meine innere Stimme zu hören, wenn es darum geht ob ich etwas möchte oder eigentlich jemand anderes von mir. Das sind schöne Eigenschaften und trotzdem bedeutet der Krebs für mich eine Zäsur. Es gibt ein Davor und ein Danach. Das zu akzeptieren, fällt mir nicht immer leicht, auch wenn ich nicht mit meinem Schicksal hadere.

 

Das Einzige was mich mit meiner Diagnose wirklich erschüttert hat, war die Gewissheit, dass ich meinem Kind nicht mehr die Mama sein kann, die ich gerne sein möchte und dass mein Kind es einfach nicht verdient hat, so einen Schicksalsschlag mit zu erleben. Ich weiß, dass Kinder sehr viel stärker sind, als wir Erwachsenen ihnen manchmal zugestehen und dass sie es schaffen mehr wegzustecken, als wir glauben können. Und doch bricht mein Herz beim Gedanken an all das, was jetzt schon im Leben meines Kindes stattfand und vor allem macht es mich wirklich traurig, dass nicht nur ich mit meiner Erkrankung (und all den kleinen und großen Konsequenzen) leben muss, sondern auch mein Kind.

 

Mit einer Krebsdiagnose fällst du tief. Der Boden unter den Füßen ist weg und für den ersten Moment denkst du, es gibt nichts, was dich auffängt. Irgendwann merkst du aber, dass es ein Netz gibt. Dein persönliches Auffangnetz. Ich wünsche jeder Erkrankten solch ein Netz. Dieses Netz aus Freunden, Familie, Gleichgesinnten und behandelndem Personal ist so wichtig. Es trägt, es fängt auf. Es erträgt. Es ist und bleibt immer da. Das Wissen um mein starkes Netz macht mich unheimlich reich. Manche fangen mich auf, andere treiben mich an. Ich kann mich fallen lassen oder auch selbst mal wieder vorne weg gehen. Vor allen Dingen aber bin ich dankbar für jede Unterstützung und all das Verständnis, das mir entgegen gebracht wird. Ich weiß, dass nicht immer jedeR meine Gefühle nach vollziehen kann und (fast) niemand aus meinem Netz weiß, wie sich eine Krebserkrankung anfühlt. Entscheidend ist für mich aber das Wissen, dass das gar nicht notwendig ist. Ich bin mehr als meine Krebserkrankung. Auch wenn meine Erkrankung gerade mein Leben bestimmt.

 

Meinen Instagram-Account lotta_inlove habe ich kurz vor meiner Rezidiv-Diagnose auf öffentlich gestellt. Ich wollte Frauen, die vielleicht gerade erst die Diagnose bekommen haben, die Möglichkeit geben, sich Tipps zu holen, Austausch zu finden, Mut zu machen. Inzwischen weiß ich, dass gerade meine Krebsgeschichte nicht überwiegend mutmachend ist. Wer möchte, vielleicht gerade in Behandlung, schon gerne lesen, dass du ganz schnell wieder in diesen Strudel geraten kannst? Tatsächlich hoffe ich aber einerseits, dass ich vielleicht denen, die genau in der gleichen Situation stecken wie ich, Mut machen kann. Mut, der sich aus der Gewissheit speist, nicht allein zu sein. Und zum anderen glaube ich, dass Krebs sehr viele Gesichter hat. Meines ist eins davon.


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Kommentare: 1
  • #1

    Isabel (Freitag, 21 Mai 2021 19:28)

    Danke, liebe Eli für deine Worte so ehrlich, so offen und so berührend. Und: du bist die beste Mama für dein Kind, einfach weil du du bist. �

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